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Psychoanalyse und Philosophie e. V., Düsseldorf
Mitglied in der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf e. V.
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Corona

Philosophische Gedanken zur Covid-19-Pandemie und zum SARS-CoV-2


Christoph Weismüller
Zu Corona, SARS-CoV-2, und Covid-19:

I.

Globalisierung und Wirtschaftswachstum schlagen zurück. Die mit diesen geschaffene Grenzenlosigkeit, indifferenzierende Entgrenzung nach den algorithmischen Vorgaben kapitalorientierter schizoider Objektivitätsproduktion öffnen die Zugänge zu den Körpern aller. Wie steht es um mögliche Gegenmaßnahmen zu solchem global umfassenden Schizo-Netzwerk? Solche müssen notorisch paranoisch ausfallen, hier werden Eingrenzungen vorgenommen, dort Ausgrenzungen wiedereingeführt und radikale Restriktionen gegenüber Produktions-, Tausch- und Körperverhältnissen durchgeführt — allemal wohl, um die verbliebenen Restwiderstände gegen Globalisierung und Wirtschaftswachstum, die radikale Indifferenz, (fast) am Ende der Möglichkeit der (gerade noch einmal rettenden) Kapitalexpansion in jene selbst ding- und technologiegenerativ aufzuheben.

II.

Es scheint dieses neue Virus ein der Zeit angemessenes Rationalitäts(selbst)aufklärungsphänomen zu sein: Im Gegensatz zu seinem Coronavirus-SARS-Vorläufer ist diese aktualisierte Version nicht mehr auf den Einzelnen (dessen Lunge, intrakorporal) fixiert, sondern – gleichsam im Sinne der Erfüllung des Viruswesens – gänzlich entsubjektiviert, es nutzt – wie jedes Virus notwendig – einen Körper (als Wirt), ein Subjekt, jetzt quasi nur noch, zumindest extrem verstärkt, als Überträger, als (Virionen-Projektions-)Medium (in Entsprechung zu "Helikoptergeld" und elektronischer Allvernetzung), scheint also vielmehr auf die allemal grenzenlose Allverbreitung ausgerichtet zu sein, eine virale Globalisierungsrekorporalisierung, Körperkurzschluss mit den Dingen (Virenwesenselbstdarstellung) im Extrem dergestalt, dass Impfmaßnahmen selbst neutralisiert werden (können), Technik wie unmittelbar renaturalisiert wird und nur der archaische (aber technologisch höchstgerüstete) Kampf wider jedes Einzelvirus vorgenommen werden kann. Corona, genauer: SARS-CoV-2, ist tatsächlich eine den Hochrüstungen der virtuell-viralen Kriegstechnologie angemessen korrespondierende Mutation, virale Extrempsychotik, ein Engelklangleuchten.

III.

Tausch ist die Bewegung mit und in der der Tod verschwinden gemacht werden will – hingegen aber als progressive Todestriebbewegung die Todesdistribution und -exekution extrem dynamisiert gemäß der Kraft der Todesabwehr.

Covid-19 markiert die geflohene Schuld und übernimmt die Distributionsbewegung des Organs: Viren statt Luft, Sauerstoff, Blut, Transmitterstoffe. Vornehmlich – aber keineswegs exklusiv! – in der Lunge und im gesamten Respirationstrakt bildet das Virus sich und macht diese Organorte zu den primär auserwählten. Auserwählt ist dergestalt in ganz besonderem Maße das distributorische Organ, die Lunge, die auf die Außenwelt übergriffig sogend Sauerstoff in den Körper zieht, den vernutzten Atem wieder aushaucht und so – im Zwischen dieser beiden Bewegungen – den Körper inklusive der Lunge selbst zu erhalten ermöglicht durch Weitergabe, Verteilung des dem Übergriff geschuldeten Vereinnahmten und Wiederveräußerung des toxisch aufgeladenen Restes. Die Luft, die sie vereinnahmt, muss möglichst rein sein, um solche Distributionsaufgabe rein auch vollziehen zu können. Denn auch hat dieses Distributionsorgan, um nicht zu sagen: diese Distributionsapparatur, eine Filterfunktion. Unreinheit fängt sich in der Lunge – wie in den anderen Organen, in denen das Virus seinen Selbsterfüllungs- als Generationsort einnimmt –, 'markiert' somit deren schuldiges Tun, die Schuld des Übergriffs auf die Außenwelt, der Verinnerung und der Vereignung des Fremden und zeigt dergestalt die Unmöglichkeit der Einlösung des Begehrens, unschuldig Bewegung, zumal Distributions- beziehungsweise Tauschbewegung, auszuführen: Restlose Weitergabe von Schuld ist nicht möglich, auch nicht im möglichst rein distributorischen Vorgang.

Dennoch bleibt die restlose Reinheit begehrt. Doch es insistieren die ungewollten Reste, Markierungen geflohener Schuldigkeit, die das Opfer am Ort ihrer Erinnerung wieder ins Leben rufen als tödliche Krankheit, hier Covid-19: Markierung des Ortes des – notorisch betrügerischen, Opfer ausfällenden – Tauschs. Gleiches gilt für die anderen Befallsorte, das Zentralnervensystem, Gehirn, Herz et cetera: Covid-19 signifiziert die geflohene Schuld, lässt am korporalen Erinnern der Opfer vergehen: an Orten, die allesamt reiner Durchgang, restlose Distributionsorgane nicht sein können und dergestalt am eingelagerten und unwillkürlich einbehaltenen Inzestrest vergehen müssen. Das Virus als Kind des Inzests bildet an den Befallsorten Abwehr- und Inzesttabu-Bewegungen symptomatisierend aus – Orte der Schuld- und Opfermemoria, die letalisierend insistieren und in ihrer Distribution progressiv mortalisierend operieren.

Allein die technologische Version als Maschinenoptimierung zur Medikamenten- und Impfstoffproduktion et cetera, solche technologische Bergung der Schuld objektiv isoliert und fixiert scheint Aufschub in Sachen 'Pandemie' gewähren zu können: insofern nicht die Einzelnen die Schuld anzuerkennen und einzubehalten vermögen, sondern tauschbegehrlich in Distribution halten. So aber weilt Covid-19 als Provokation der Todestriebrepräsentanzen im Sinne der Distributoren progressiver Letalität.

IV.

In der aktuellen Krisensituation, in der fast alles abgesagt werden muss, in der Zeit der grassierenden Pandemie und der Quarantäne, finden die dingliche, technische, soziale, ökonomische, politische sowie die künstlerische Kultur sich nicht nur auf die Frage ihrer Legitimation gestoßen, sondern sie sind weiter noch auf die Frage nach ihrer Möglichkeit – auf die radikale Frage der Freiheit zwischen Sein und Nichts – zurückgeworfen.

Solches zeigen konkret und machen aktionistisch öffentlich zumal die sehr praktischen Konsum- und Sozialverhalten: Bundesweit über Tage und Wochen ausverkauftes Toilettenpapier zeigt das Problem des 'auf sich' respektive auf die 'Familie' Zurückgeworfenseins an als kollektiv unaufgearbeitetes Trauma der analen Phase; beängstigte Arbeit an der Sicherung der Fundamentaldifferenz (gegenüber den Fäzes), Arbeit an eines jeden Möglichkeit, an der Freiheit zwischen Sein und Nichts. Des weiteren imponiert die Einrichtung von Notunterkünften nicht nur für Covid-19-Fälle, Einwanderer oder Obdachlose, sondern für Frauen und Mütter mit Kind als Folge der Quarantäne: Auf diese Weise zeigen sich die Konsequenzen der elektronischen Besetzung und damit Verhinderung der Vermittlung (der Geschlechter-, Generations-, Lebens-Todes-, Körper-Ding-Differenzen) durch technisch funktionalisierte Orientierungsvorgaben, insbesondere elektronische Netzwerk-Verbindungen.

Die Individuen wie die Kultursphären sind mit der fundamentalen Existenzfrage konfrontiert und müssen Orientierungen nochmals ausloten. Befragt werden sie alle und Ausnahmen davon gibt es nur in der Sicherheit eines steinharten Glaubens.

Aus unseren gewohnten Orientierungskontexten sind wir also herausgenommen und jede Alltäglichkeit wird in Frage gestellt. Zunächst, das ließ sich anfangs noch beobachten, versuchten viele (vor allem jüngere) Menschen auch in Deutschland noch, ihre alten Orientierungsmaßstäbe aufrechtzuerhalten, sie ignorierten selbst die Gefahr, die sie für andere darstellten und machten sich dergestalt zu Verbündeten der bedrohlichen Todesgefahr. Man könnte vereinfachend sagen, sie ignorierten die Todesbedrohung. Doch es muss angemessener Weise auch nachgefragt werden, was solches Denken und Handeln impliziert. Im Rahmen solchen Nachfragens wird man darauf stoßen, dass solches Ignorieren zusammengeht mit dem phantasmatischen sowie auch faktischen Einswerden mit dieser Bedrohung: Identifikation mit dem Aggressor: Die ultimative Rettung vor dem Tod verspricht sich darin, selbst zum tötenden Tod – zumal zum aktiven Virion-Verteiler – zu werden.

Kurz: In solchen Notsituationen wie der aktuellen bricht der alltägliche Orientierungsrahmen zusammen und es werden neue Orientierungen gesucht und alsbald erkannt, dass die eigenen Maßstäbe und auch die von den Institutionen veranlassten Orientierungsvorgaben nicht eine letzte Sicherheit geben können, so dass der Ort der sicheren Gewährleistung von Orientierung zunächst vakant bleibt.

Solche Vakanz, wie sie auch die Absage vieler Veranstaltungen nährt, lässt im Angesicht der Sterblichkeit die Freiheit und als Ausgang zu einer praktischen Neuorientierung womöglich die – aus den erworbenen Traditionen des Denkens mitgenommene, mitgeschickte und in diesem Sinne schicksalhafte – Frage nach der Redlichkeit aufkommen. Aber, wie wir von Hegel lernen konnten: "Unschuldig ist ... nur das Nichtthun wie das Seyn eines Steines". Der Unschuld kann und will aber hoffentlich nicht das Wort geredet sein. Die weitere Ausrichtung und womöglich Neuorientierung der Kultur wird möglich werden als eine Abstoßungsbewegung (Negation) vom "Seyn eines Steines" nach der Maßgabe der Antwort auf die Frage nach der Redlichkeit, als ein Verschulden, das vielleicht Bewusstsein und Erkenntnis von sich zu gewinnen vermag und dies in den Werken der Kultur und insbesondere der Kunst zu einem davon Gedächtnis wahrenden Ausdruck bringen kann.

Sicher, die Abstoßungsbewegung vom "Seyn eines Steines" ist immer ausgerichtet auf die Herstellung von steinharten Dingen, die gemäß moderner Weise auch virtuell sein können, aber eben als feste Orientierungen für der Menschen Wege, als Sicherungen dauerhaften Abstoßens und Fortkommens, dienen sollen. Vielleicht aber bleibt einmal die Geschichte der Orientierungsgabe eine offen lesbare und nicht nur eine herrschaftlich verfügte.

Zum Schluss doch noch profan, pragmatisch, kurz formuliert: Orientierungsvakanz provoziert Gewalt (die fraglos ein Aspekt der Freiheit ist), und es kommt darauf an, wie diese kulturell (politisch, ökonomisch, technisch et cetera) moderiert werden kann beziehungsweise welches Machtwort oder welche Gewaltaufklärung diese Vakanz wieder zu besetzen vermag.

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Dionissios Vajas
Virtuelle Kurzschlüsse

Es schleicht sich der Verdacht ein, dass der Corona-Virus (SARS-CoV-2) zu sehr mit unserer hochzivilisierten, technisch-digitalen (Im-)Mobilitätswelt zusammenhängt. Oft ist die Schuldzuweisung zu hören, der/die Infizierte sei gerade von einer Reise ins Ausland zurückgekommen. Viele Länder reihen sich nunmehr in diese Vorwurfslogik ein und schotten sich von anderen Ländern oder Länderbündnissen ab (in der EU werden die Grenzen doppelt geschlossen).

Falls ein Infizierter/eine Infizierte keine entsprechende Ursächlichkeit bzw. Rückverfolgung des Leidens auf einen Sündenbock zulässt, schaltet sich Paranoia ein – denn dann sei jeder vom ubiquitären, unsichtbaren Feind umzingelt oder dieser wirke bereits in einem selbst.

Da ich neulich eine Reise ins Ausland unternahm und nach der Rückreise in der Nachbarschaft einer Corona-Infektion bezichtigt wurde, möchte ich in Kürze das Thema Grenze und Grenzerfahrung anschneiden.

Mir kommt es so vor, als erhöben sich als Länder- und Staatsgrenzen riesige Spiegelungsbildschirme, die alles erfahrene und erlebte Leben außerhalb in Form einer dichten Halluzination wiedergäben, und zwar so, dass sie den Auslandsaufenthalt in jenem dichten Halluzinationsfilm aufhöben und verabsolutierten, diesen also als etwas Externes streitig machten.

Ein Blick auf diese so aufzufassende Genealogie des Monadencharakters eines jeden Landes lässt vermuten, dass die Passage der Grenze mit Hilfe eines Flugzeugs (das bedeutet die Möglichkeit des Verschrumpfens von Riesenabständen und die zeitliche Annäherung von weit auseinanderliegenden Ländern bis hin zur imaginativen Angrenzung) das Zurückgelassene mitschleppt, ebenso wie das Kielwasser dem Boot folgt und dann das Hinten vorne im Sinne eines digitalen Bildschirmes visualisiert wird (Einflug als sich ins Land ... beamen lassen).

Es handelt sich um eine höchst phantasmatische Situation und innerlich ist es fieberhaft angestrebt, dass diese als Realität fungieren möge. So kann ich mir gut vorstellen, dass dies der Ort der Entstehung des Virus ist. Überall auf der Welt müsste dann unsere moderne Lebensweise des Plattfahrens von allerlei Grenzen und der zügellosen Verbildlichung des Innenlebens von Ländern das Virus produzieren, und zwar als Bestätigung der Prävalenz des Imaginativen dem Wirklichen gegenüber.

Zuletzt las ich im Pschyrembel[1] nach, dass ein Virus, eine invalide Lebensform, weder wachsen noch sich fortpflanzen kann. Auch verfügt es nicht wie jedes Lebewesen über beides auf einmal: DNA und RNA, sondern entweder nur über das eine oder das andere. RNA soll unter anderem bei der Transkription des genetischen Materials während der Fortpflanzung eine Rolle spielen. Das Coronavirus gehört zu den RNA-Viren: ein Parasit hoch zwei; ein Mittelding schlechthin; die Weitergabe einer Information, welche nicht existiert![2] Das Virus scheint unserem digitalen Netzwerkgebrauch den Weg zu weisen.

Ungeachtet dessen wird Sein und Funktionsweise eines Virus als die wahre Revolution in der Biologie aufgefasst, da das Virus zeige, dass bei der Fortpflanzung von Leben (!) auch der umgekehrte Weg möglich sei. Ich sage: Das ist der Weg aus einem introvertierten unhaltbaren, da parasitären Nichts in die proliferierende Selbstproduktion von krankem Sein. 

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[1] Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1993, S. 1638 f.

[2] Ein RNA-Virus dient der Transkription eines genetischen Materials, über das es nicht verfügt. Vgl. hierzu:
Junqueira, Carneiro, Histologie. 4. Auflage, Springer Verlag Berlin / Heidelberg / New York 1996, S. 79.

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Hedwig de Boer
Gedanken, en passant, zum derzeitigen Menschheitsthema


Mir kam die Assoziation zum Virus, dass es ja eigentlich auf eine Art verblüffend ist, dass das kleinste Lebewesen, das strenggenommen, soviel ich weiß, nicht einmal als ein Lebewesen gilt, uns als Menschenart mit etwa 7,3 Milliarden Individuen so schwerwiegend verletzen kann, dass Körper und Produktion etc. versterben können und sie es immer weitgehender auch tun, dass also um der Dingproduktion willen Körper geopfert und wieder gefordert wird.

Als Menschenart haben wir lange geglaubt, wir seien die "Krone" (corona?) der Schöpfung (wobei von Schöpfung auch nicht mehr oft die Rede ist) und also die sowohl wichtigste als auch klügste und mächtigste Art unter den Arten. Nun kommt das wohl kleinste Wesen der Erde daher und nimmt uns quasi die Krone vom Kopf. Ich finde das auf eine Art schon fast zum Schmunzeln, wenngleich es wirklich auch nicht witzig ist, sondern sehr ernst.

Die zweite Assoziation zum Covid-19 ist mir der Prozess der Zeugung, das Eindringen von DNA (hier RNA) in eine Zelle (hier Wirt) zum Zwecke der Zeugung von Nachkommen (hier Virionen und neue Viren), die gleichwohl die Wirtszelle auch wieder verlassen, sie aber bei dem Reproduktionsprozess eben meist zerstören.

So gesehen ist der Vergleich mit der Befruchtung einer Eizelle hinkend, diese beginnt Leben durch Einbringen von DNA, das Virus hingegen tötet Leben durch Einbringen von RNA, um Kleinstwesen seiner Art zu schaffen. David gegen Goliath ? Aber es ist ja eigentlich keine klassische Feindschaft, ein Virus hat doch keinen Willen, kein Bewusstsein, es hat nicht einmal Instinkte, es hat ein Miniprogramm auf einer Mini-RNA, wie ein Mini-Computer, der allerdings anders verschlüsselt. Ein Minicomputer schlägt uns, die wir gerade dabei waren den Computer zu verherrlichen. Ein Paradoxon?

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Dionissios Vajas
Die Globalisierung geht in die nächste Etappe
Politik und Wissenschaften auf dem Vormarsch gegen den inneren Feind

Notiz aus Thessaloniki

Von überall her dringt Stille ein; deren Feedback umgibt das eigene Selbst.
Sie lässt sich als eine dicke Schicht spüren, die sich stillschweigend um einen selbst herum webt; eine Stille, die von den anderen und der Umgebung isoliert und die immer wieder eintritt – egal, ob man allein oder in der auf Abstand bedachten Gesellschaft anderer ist, ob man sich innerhalb der eigenen vier Wände aufhält oder außerhalb derselben, draußen, um frische Luft zu atmen und sich zu bewegen.

Die Stille ähnelt jener vom üblichen Sonntagmorgen – wenn die Menschen noch im Bett liegen und die Motoren von allerlei Fortbewegungsmitteln noch nicht von ihrer Samstagnacht-Schlafsucht befreit worden sind.

Gleichwohl stellt aber diese Stille etwas vollkommen Neuartiges dar; sie ist im Wesen anders; sie unterscheidet sich von jeglichem Ruhetypus, den man bis jetzt in seinem Leben hat kennen lernen dürfen.

Man hält sich zu Hause auf und richtet sich, loyal, ganz nach den Anweisungen des Gesundheitsministeriums und des Ministeriums für zivilen Schutz. Die Wohnung wird zu einer Burg, die mit ihren Wänden aus Zement, Stützenschalungen und NF-Ziegelsteinen Schutz ohne Mehrkosten bietet; Schutz vor dem omnipräsenten, plerotistischen Feind, der unsichtbar, unbekannt und apersonalistisch ist.

Man fühlt sich geschützt, und der Schutz reicht bis an den eigenen Körper – dort wird er von der eigenen Körperlichkeit wiederholt, sodass das, was man von nun an ist, ein subtilstes, engelhaftes Ich-Sein, selbst in "seiner" körperlichen Hülle, und zwar, als wäre es der zierlichste und für Außenweltbedingungen nicht geschaffene Kern, in Schutz genommen ist.

Man schläft doppelt geschützt, indem man die rundherum wohltuende, unentwegt und in Hülle und Fülle sich anbietende Sicherheit der von der Bauerlaubnis in weiser Voraussicht erforderlichen Raumeinschränkung und der innenarchitektonischen Binneneinteilung des Wohnraums am eigenen Leibe erfährt (ein Wohnraum mit vielen Schachteln, wie es die Zellen auch sind).

Was aber, wenn man einen Spaziergang zu machen gedenkt? – dabei die ausgefüllte Bestätigung des vom Bürger ausnahmsweise zu unternehmenden Ausgangs und den Personalausweis beziehungsweise den Pass in der Tasche hat? Wer oder was schützt dann einen? Die eigenen vier Wände ist man beim Verlassen der Wohnung losgeworden; letztere lässt man mit jedem getanen Eilschritt immer tiefer in dem Hintergrund zurück.

Dann werden die abwesenden vier Wände zu jener oben erwähnten Stille, die einen selbst wie weicher Bettbezug umwickelt.

Es handelt sich um eine Stille, die von tiefer Lautlosigkeit ist; ein Schweigen par excellence, das einem nicht erlaubt, die Begegnung in gefordertem Abstand mit einem anderen Flaneur zu erleben und das Naturerleben ringsherum unterbindet: eine den Spaziergänger ummauernde Stille.

Der sozialpathologisch einmalige Vorgang kippt bisweilen auch um, transformiert sich in dies und jenes – wenn beispielsweise trotz des anfänglichen Vorhabens auszugehen, die die Bewegungsweite einschränkenden Zivilschutzmaßnahmen sich auf einmal so weit ausdehnen, bis sie mit dem Horizont eins werden (Ymirs Augenbrauen) oder – sollten einem widerspenstige Gedanken durch den Kopf gehen, wie etwa die in jeglicher Hinsicht Schieflage der Globalisierungstendenzen – die ganze Welt treffen, wodurch letztere zu einem Kerker wird.

Da haben wir es: ob zügellose Warentausch- und Bürgerfreiheiten in einer Welt der permanenten Durchlöcherung von Grenzen und Aufhebung von Einschränkungen oder gezähmte Freiheit des neu geschaffenen Weltbürgers als einer Monade auf der Weltbühne, man hält sich konstant im Status quo ante (denn der derzeitiger Zustand ist in Quarantäne) unserer aller Handlungen: dem reizarmen, todlangweiligen, globalisierten Dorf.

Es scheint so, als ob von nun an unser aller Leben von einem periodischen Wettrennen bestimmt würde: ob die Wissenschaften mit ihren Handlangern, den entsprechenden Technologien, und die miteinander verschwisterten politischen Systeme verschiedenen Couleurs den sich neu ergebenden Weltgefahren Herr werden können. (Ist das die neuere Erhöhung der Geschwindigkeit des Zurasens auf die letzten Stufen zur ultimativen Verunbewusstung?)

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Dionissios Vajas
Psychische Derivation von Sars-CoV-1 und Sars-CoV-2
Verfehlter Narzissmus und Omnivorie
(Ein Beispiel von einem psychophysischen Parallelismus)

Lacans Begriff der Ex-sistenz[1] kennzeichnet das, was er das Unbewusste des Anderen nennt. Dieses so aufgefasste Unbewusste insistiert, beharrt auf sich selbst und wirkt doch im Bereich außerhalb des Subjekts, welches laut Lacan die eigene stupide Existenz meint; ein Subjekt, das erst dann anzutreffen wäre, wenn es auf sich selbst zurückgeworfen würde. Um direkt unmissverständlich zu sein und die Lektüre zu erleichtern, verstehe ich das Unbewusste des Anderen im hiesigen Zusammenhang als genitivus obiectivus.

Der Andere erscheint in einem spezifischen Vorsatz des Subjekts in doppelter, funktionseinheitlicher Form. Es gibt den Anderen a) als mir entgegentretende Monade, der b) zugleich die vielen anderen – inmitten ihrer und als die sie überragende Version – bedeutet, weil er repräsentativ für sie steht, deren Eidos musterhaft an den Tag legt.

Dem Subjekt geht es in diesem Vorsatz darum, eigenproduziertes, psychisches Material, das konzeptuell der Rückspiegelung fähig ist, in den Anderen hineinzutragen und hinein zu setzen, um durch den Anderen als einen (bitteschön!) selbstständig handelnden Anderen sich selbst als erstklassiges Ego zu erfahren. Was das Subjekt nicht weiß beziehungsweise nicht wissen kann: Wie es sich mit dem Anderen verhält, wenn es die Entscheidung getroffen und den mit ihr automatisch verbundenen Schritt zur Einführung des 'hochwertigen’ Materials getan hat. Der Andere wird stante pede zu einem leblosen Objekt. Die Einführung unterhöhlt ihn und macht aus ihm eine Schablone.
Der Zweckinhalt des Vorsatzes, sozusagen die Arbeitsspitze, die dem Subjekt ursprünglich als Motiv diente, verschwindet jäh aus dem Horizont, geht im eingekapselten Raum des Anderen unter, und das Subjekt besitz keine Klarheit mehr über das Wozu seines psychischen Aktes. Fazit: Das Subjekt verfängt sich im Anderen gleich einer Schaufensterpuppe.

Von Interesse wäre hier, auch zu berichten, was das Subjekt als Grund für sein Versagen bedenkt. In seinem Verfangensein im Anderen geht es davon aus, dass ihm der Endzweck des ursprünglich ins Auge gefassten Begehrens nicht … im Hinblick auf die Motivation von Tatkraft genug bewusst war, um dann (dafür hält es inne) die Kraft aufzubringen und aus der Kluft der Zwischenetappe herausspringen zu können. Es denkt also, es hat sich aus Unkenntnis der Lage in eine Falle hineinbegeben (was übrigens absolut richtig ist); genauer gesagt, weil es die Flagge seines ursprünglichen Ziels nicht richtig hochgehalten hat (sic!), denn nur so hätte es sein Ziel nie aus den Augen verloren und erreicht.
Die blinde, "meliorierende" Selbstkritik löst bei ihm das aus, was Lacan den Wiederholungszwang genannt hat: Das Subjekt wird sein auf Rückstrahlung ausgelegtes Produkt immer wieder einbringen und es wird immer wieder die bittere Erfahrung machen müssen, dass es in der Zwischenetappe kaputtgeht und dass es zusammen mit ihm im Sumpf (des Anderen) steckenbleibt.

Betrachten wir etwas genauer den Prozess der unfruchtbaren, versagten psychischen Investition, die im Inneren des Anderen ihren Hauch abgibt.
Der kompakte Kern dessen, was in den Anderen im Rahmen dieses besonderen Falls von verfehltem, also nicht rückstrahlendem, keine Früchte pflückendem Narzissmus hineingetragen wird (das ist das psychische Material, das laut Konzept einer späteren Selbstdynamisierung fähig wäre), löst sich in unendlich viele Bällchen im hohlen Anderen auf, die allesamt als Zeugnisse der Verdinglichung für die Zerstörung stehen. Der Auflösungsprozess imitiert spiegelverkehrt und im positiv besetzten Sinne das, als was der Andere während des Akts des Vorsatzes – bereits in ein lebloses Objekt transformiert – erscheint: als ein innerlich eingefriedeter, hohler Raum, eine Schablone.

Der Prozess des Hineintragens in den Anderen als psychischer Vorgang ähnelt bis ins Detail dem Prozess der Dissemination von Krankheitserregern im Körper.

An dieser Stelle möchte ich folgende Zeilen zitieren:

"Der Prozess der Viruserkrankung ebenso wie der der Zeugung sind wirklich m.E. sehr außergewöhnliche zelluläre oder auch organische (im Sinne von Zellgemeinschaften) Komplexleistungen von Zellverbänden, wobei das Virus sich ja nur anderer Zellorganellen bedient, was ja eigentlich besonders clever ist.

Der Begriff 'Leistung' ist ja in unserer Kultur zwiespältig besetzt. Arbeit, Leistung, PS, Watt etc. 'größer, schneller, weiter', da steckt das narzisstische Moment drin, das Konkurrenzprinzip auch.

Darauf verzichtet die Zelle und besinnt sich auf etwas durchaus gemeinschaftliches, vielleicht im Sinne von: jeder erfüllt seine Funktion, sodass jeder etwas davon hat, ganz selbstverständliches Zusammenarbeiten für das Überleben des gesamten Organismus und von Biotopen.

Und das Virion zerstört sich wahrscheinlich auch, indem es seine RNA in die Wirtszelle abgibt, ordnet sich so gesehen auch unter, um die eigene Art zu erhalten."

(Hedwig de Boer, aus unserer Korrespondenz, Hervorhebung von mir)


Nun eine Vermutung zu den Entstehungsbedingungen und dem Entstehungsort von Sars-CoV-1 und Sars-CoV-2.

Gemäß den obigen Ausführungen trägt ein Narzissmus keine Früchte, weil er als Vorgang vorzeitig in die Brüche geht: Er versagt, weil er keinen fruchtbaren Boden vorfindet. Da, wo die übermäßig große Bevölkerungsdichte und der Kampf ums Überleben agonale Züge angenommen hat, schafft es der Einzelne nicht, aus dem bedrückenden gleichmäßig Ähnlichen der vielen Speziesgenossen hervorzulugen, Luft zu holen und läuft aufgrund dessen Gefahr, unterzugehen; da führt die dichte Population dazu, dass der unter Menschen übliche, unter Umständen notwendig entstehende (Anerkennungs-)Narzissmus (oft auch nur ein Narzissmus des Vorgangs des Lebens selbst) dem Einzelnen über den Kopf wächst und er dann in diesem Wettbewerb zu kurz kommt, also erkrankt.  

In China, dem Reich der Mitte, dem Reich von Allem und Eins, müsste jene katastrophale Not, die darin besteht, "unterm Dach" (man geht ja unter die Menschen) zu ersticken, notgedrungen sich eine Ventileinrichtung nach unten verschafft haben: Die Allfresserei von allem Lebendigen auf Erden[2] holte sich den sonst unerreichbaren Himmel (per aspera ad astra) auf Erden: das indifferente einzelne Lebewesen als dieser oder jener (nicht) erreichte Glücksstern.

Um spruchhaft eine außerabendländische Zivilisation erreichen zu können, möchte ich folgendes Zitat anbringen:

"Jedes Kleintier, das sich auf dem Boden bewegt, ist abscheulich und darf nicht gegessen werden. Alles, was sich auf dem Bauch oder auf vier und mehr Füßen fortbewegt, kurz alles Kleintier, das sich auf dem Boden bewegt, dürft ihr nicht essen, denn es ist abscheulich. Macht euch nicht selbst abscheulich mit all diesem Gewimmel an Kleintieren und macht euch durch sie nicht unrein, indem ihr euch durch sie verunreinigen lasst."[3]

So formuliert sich biblisch die kulturinitiale Tabuisierung des fundamentalen humanen – und keineswegs nur chinesischen – Begehrens. Das basale Begehren der Rationalität ist es: alle Dinge reinkorporieren zu können. Dessen pandemischer Ausdruck ist Covid-19, mit dem die Frage nach der Möglichkeit der Kultur und der Kulturen erneut aufgeworfen ist.

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[1] Jacques Lacan, Schriften I, Das Seminar von E. A. Poes "Der entwendete Brief", Quadriga Verlag, Weinheim, Berlin, 1966, S. 9

[2] Siehe hierzu auch: Dionissios Vajas, Traumfluchterwachen. Ein Restauranttagtraum, in: Fluchten, Philosophisch-psychoanalytische Zeitdiagnosen, Psychoanalyse und Philosophie, Jahrbuch 2018, Düsseldorf: Peras Verlag, S. 95 f.

[3] Bibel, Levitikus, 11, 41-44.

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Axel Schünemann
How I Learned to Worry Again

Teil I: Im Hamsterrad von Covid-19

"Die äußerst bizarre, am wahrscheinlichsten nur bei höchstzivilisierten Völkern anzutreffende Attitüde des Hamsterkaufs von Toilettenpapier bezeugt, dass alles andere an auf dem freien Markt besorgbarem Charakter irgendwie bereits durch den Körper und zwar in dessen äußere Fläche, als dessen Garderobe, integriert ist. Einzig und allein dieses eine Konsumgut, das Toilettenpapier, scheint keine Aufnahme in die geschlossene Präsenz des Bürgers gefunden zu haben – wohl in weiser Voraussicht auf Kommendes, dass alle diese käuflichen, inkorporierten Lebenssurrogate diarrhöisch durch den in seinem Inneren zum Schlauch gewordenen Körper – dessen Aufmachung ist ja ganz der Non-Stop-Kultivierung gewidmet – unten durch herauskommen.

Eine Tragik (und eine Komödie zugleich) des Fortschritts unserer Kultur und Zivilisation, da sie es dazu gebracht haben, Krankheit als Anstand auszugeben und zu verstetigen."

(Dionissios Vajas, aus der Korrespondenz mit dem Verfasser.)

In den ersten Tagen der Kontaktsperre wurde in meinem Bekanntenkreis oft mitgeteilt, man nutze die Zeit zu häuslichen Putzaktionen. Eine in Stresssituationen der unproduktiven Sorte beliebte Umlenkung jener erweckten Energien, die aber nicht zur Erledigung der Stressoren genutzt werden können, also weder zum 'Weiterschlafen' noch zum 'Erwachen' taugen.

Natürlich wollte niemand Viren wegputzen, die noch gar nicht im Haus waren – zumindest nicht unter dem Sofa oder hinter der Waschmaschine. Und doch meine ich, solche Arbeiten seien genau so, als symbolisch-todestriebliche "Symptomhandlung" (Freud), zu verstehen ("wenn ich nichts tun kann, dann wische ich halt den Tod in den Ritzen der Wohnung weg"), und zwar ausgelöst von der räumlichen Aufspaltung der Gefühlswelt in den medial (und nicht von einer eigenen Infektion) ausgerufenen Alarmzustand draußen, vor allem im Discounter, und das Sicherheitsgefühl in der Wohnung, als Versuch, durch die symbolische Reinigung des Hauses Sorge und Gelassenheit miteinander zu verschränken und so an einer Fraglosigkeit mittels der symbolischen Putzaktion festzuhalten.

Auch ich erlag dieser Tendenz der autosymbolischen Besetzung, indem ich einige meiner bereits veröffentlichten Partituren Korrektur las, viele peinliche Fehler entdeckte, die ich bis dahin übersehen hatte – da sieht man, wie nützlich so eine alarmistische Grundierung des Alltags sein kann! – und mir mithin weitere Kontroll- und Korrekturaufgaben für einige Jahre verschaffte.

Die Fraglosigkeit der Ausbesserungsarbeit wollte unbewusst die an der Utopiefront meines zwischen den Welten ausbleibenden Reüssierens von der Einstellung jeglichen Konzertbetriebs durchaus negativ mitgetroffene Komponisten-Identität als fraglose Sache wiederherstellen.

Wie aber sieht es mit dem Hamsterkauf von Klopapier aus? Der Hinweis auf die psychoanalytische Theorie des "Analcharakters" (gewiss nicht nur das deutsche Thema) ist sicherlich ein Stück Therapie gegen die Verzweiflung im Supermarkt, der auf dem Schild vor den leeren Regalen versichert, man müsse nicht hamstern. Auch der Kunst und der Internet-Kultur kann manche witzige Aufklärung zu dieser Frage entnommen werden. Und doch bleibt die Rätselfrage des Hamsterns dieses Produkts wegen der Hartnäckigkeit des kollektiven Symptoms im Raum stehen.

Wie würde denn Pathognostik dieses Symptom verstehen? Würde Pathognostik überhaupt von einem Symptom sprechen? Ich denke doch. Wer ist Symptomträger? Die Discounter und Supermärkte? Oder doch nur die Hamsterer? In jedem Fall ist das 'Unbewusste der Hamsterräder', die das Beenden des Laufens in ihnen nicht befördern, ebenso zu denken wie das 'Unbewusste des Klopapiers'.

Das Unbewusste des Klopapiers muss ödipaler, narzisstischer und todestrieblicher Natur sein, weil ebendiese Themen (Geborensein; das Geschlecht, das nicht meines ist; der Tod) die fundamentalen Themen nicht nur der Menschen, sondern auch ihrer Körper sind, Themen, die als Produktionen der Dinge bearbeitet werden. Wie sich diesem Ding- und Produktions-Unbewussten, den ödipalen etc. Motivationen der Produktion im Fall des (gehamsterten) Klopapiers und der leeren Regale in den Geschäften anders nähern, als durch die gewiss nicht zufällig sich ergebenden Assoziationen?

Als erste Assoziation zum Klopapier – auf die keine zweite folgt – dachte ich, dass das von der Rolle abgerissene Blatt an den Geldschein erinnert, der in diesen Tagen an den Kassen entweder ungerne angenommen wird oder im Fall der vorherigen Frage, ob Barzahlung noch okay sei, ganz umgekehrt auf das Unverständnis der Kassiererin oder des Kassierers in Form der freundlichen Bejahung stößt: "Selbstverständlich können Sie bar bezahlen!" Man ahnt jedenfalls, dass die deutschen Widerstände gegen die Abschaffung des Papiergelds nach dieser Pandemie langsam vielleicht, aber sicher, dahinschmelzen werden. Und so möchte ich behaupten, dass die Hortung des Klopapiers ein "funktionales Phänomen" (Herbert Silberer) das heißt eine Selbstdarstellung dieser aus- oder anstehenden Abschaffung sei, nebst ihres Katalysators der Frage des bargeldlosen hygienischen Akts wider die umlaufende Todesinfektion. Wobei insbesondere die Ambivalenz der Abschaffung des materiellen Wert-Mediums (des Mediums mit zu viel 'Mutterkörper') zum Ausdruck kommt: Denn ebenso will das Papiergeld verworfen (= das benutzte Klopapier weggespült) sein, wie gehortet (es sind immer die neuen Medien des Werts, die mobil sein sollen, die alten hingegen dienen als Sicherheit: aber im aktuellen Fall wird eben das unterlaufen), weil ja die unterstellte massenhafte Verwerfung als Verknappung umgekehrt sich wertsteigernd auswirken wird. Wenn ich das einmal arg übertrieben (also hysterisch) formulieren darf: Papiergeld und Klopapier tauschen ihre Funktion. Dieses mutiert in das wertvolle Investitionsprodukt, mit jenem … nein, das kann ich doch noch nicht empfehlen. (Aber wer weiß.)

Der pathognostische, aus der Feder von Rudolf Heinz stammende Gnomos zu Geld als Exkrementalsymbol – sicherlich der Hintergrund meiner Assoziation – lautet:

"Geld, das ist demnach gefressene Scheiße auf medial dingliche vs. körperliche Weise."[1]

Diese Formel wird wohl dann verständlich, wenn man vor allem den zirkulären Umlauf des Geldes in Betracht zieht. (Das versteht sich: andere Funktionen des Geldes – andere Korrespondenzen.) Das Umlaufen des Geldes, die Reinvestition von Gewinnen, überhaupt der "Wirtschaftskreislauf" sind die strukturellen Korrespondenz-Momente zur Koprophagie, die sozusagen nur ein drastisches Paradigma für die Selbstreferenzialisierung der Ökonomie bietet (als die scheinbar infinite, vom Verbilligungswahn angetriebene Ausweitung des Zirkels sich selbst konsumierender und naturzerstörender Produktion, die dem Körper nicht möglich ist), wobei die medial angekratzte Tabuisierung der körperlich vollzogenen Koprophagie allemal das Verstörende dieser Korrespondierung ausmachen dürfte. Allemal ist allerdings philosophisch wie psychoanalytisch geboten, das dumme Verfluchen der körperlichen Seite und die ebenso unbedachte Heiligung der dinglichen aufzuklären.

Klopapier mit Geldaufdruck ist natürlich auch schon ein lange etabliertes Produkt, eine säkulare Variante des Cargo-Kults, der am Ende des Pazifikkriegs bereits das Modell der Abkoppelung der selbstreferenzialisierenden Wirtschaft von den Endverbrauchern lieferte. (Hier kann ich mich auch der beim ersten Lesen noch bestaunten Aufnahme des "Helikoptergeldes" im Text von Christoph Weismüller gedanklich nun doch vollständig anschließen. Manchmal braucht es den Umweg.)

In Bezug auf den Übergang vom Bargeld als Medium zum rein elektronischen Medium des "Kreditgelds" interessiert mich besagte Korrespondenz, insofern die dingliche Verschiebung der Koprophagie im Fall der schnellen globalen Mobilität des elektronischen Geldes mir besonders plausibel erscheint, womit das Bargeld aber als Versuch einer Verunbewusstung der Wahrheit dieser Korrespondenz erscheint. Und eben dieser Versuch wird vom neuen Virus unterlaufen, insofern dezidiert das Umlaufen der Geldscheine zurück in das Bewusstsein rückte, und zwar als Hygieneproblem der außerdem möglichen Schmierinfektion, die zumal auch noch mit dem Durchwandern der Viren des Verdauungstraktes medial in Zusammenhang gebracht wurde! (Allerdings zu einem Zeitpunkt, als das Klopapier bereits gehortet wurde.)

Alles Geld ist übrigens Kreditgeld. (Will gesagt werden, weil Marx das nicht eigens gesagt hat und Kreditgeld eher abgesondert traktiert.) Und das Hamstern des Klopapiers will vielleicht nur diesen gefährlichen, weil am Glauben an das Geld nagenden Satz dementieren. Sich den Hintern abzuwischen hat ja anscheinend (oder wirklich?) gar nichts mit Glauben und Gläubigern zu tun — aber doch viel mit dem Glauben oder Unglauben, ob der Mensch, der mir den Geldschein in die Hand drückt oder der die Waren im Markt verräumt, sich auch nach jedem Toilettengang ordentlich die Hände wäscht.

Die mit dem Hamstern verbundene Vorenthaltung des Klopapiers für die, die keines mehr bekommen, ist sicher nicht ganz ohne projektiv anal-sadistischen Lustgewinn der Hamsterer, die hamstern, weil sie es von anderen erwarten. (Also haben es diese anderen verdient!, so die Selbstexkulpation.) Der Schrecken des Anblicks der leeren Regale für die einen ist in diesem Sinn Befriedigung der anderen, deren Hamsterkauf nicht nur durch die leeren Regale bewahrheitet wird, vielmehr solche visuellen Selbstbefriedigungsgefühle auslösen dürfte, weil das Nichts repräsentiert und in die subjektive Verfügung genommen wurde als das Resultat des Hamsterkaufs: das klaffende Regal.

Wie sich diejenigen wohl fühlen, die das letzte oder vorletzte Paket in der Massen-Defloration des Regals (beziehungsweise der Wiederherstellung des jungfräulich leeren Regals) ergattert haben? Wohl gemischt aus dem Glück, noch zum Zuge gekommen zu sein und aus dem eher unangenehmen Gefühl, dass doch viele andere Menschen vorher zugegriffen haben (denn die Erkenntnis der hinteren Platzierung in einer Serie von Kunden ist eine dinglich fehlplatzierte und gänzlich unbewusst oktroyierte Homosexualitätserkenntnis, ohne jede heterosexuelle Identifikationsmöglichkeit mit dem Medium dieser nun einmal asexuell oktroyierten Erkenntnis).

Zumindest war es an jenem Samstag im März, an welchem in meinem Wohnort die Hamsterkäufe zum ersten Mal mit voller Wucht die Regale geleert hatten, erstaunlich, zu sehen, dass am späten Nachmittag im Discounter im leeren Regal mit Teigwaren genau ein einziges Nudelpaket liegen geblieben war, das niemand – auch ich nicht – zu kaufen wagte. Dieses Letzte war verflucht, weil es das Letzte war. Und niemand will der Letzte sein. Und gewiss nicht dachte die ganze Reihe der spät Einkaufenden empathisch an die noch später Einkaufenden.

Zu viel schon und zu oberflächlich schreibe ich zu diesen Dingen in meinem eigenen Hamsterrad und so sei dieser erste Teil beschlossen mit der Frage nach jenem schönen Bibelzitat aus dem letzten Text von Dionissios Vajas: "Jedes Kleintier, das sich auf dem Boden bewegt, ist abscheulich und darf nicht gegessen werden..." (s.o.).

Das Problem der Tabuisierung bestimmter Nutrimente ist sicherlich einsichtig zu machen: Das Verbot impliziert die Erlaubnis: "Aber alles andere dürft ihr getrost essen!" Diese (Selbst-)Erlaubnis unterläuft natürlich auch mir, wenn ich das Schreiben dieses Textes unterbreche, um über die Gemüsepfanne Kurkuma-Pulver zu streuen und ohne jede weitere Reflexion meine, das sei besonders gesund, weil ich es so irgendwo gelesen habe.

Warum ist das "Gewimmel an Kleintieren", wie es weiter heißt, "unrein"? Es lebt nahe der Erde, auch unterirdisch in ihr, und also im Kot und exponiert also als Nahrungsmittel eben die Objektivität des Lebens-Todes-Konsumtions-Produktions-Zyklus, also des menschlichen, ökonomischen Todestriebs. Bewahrheitet wird solche zugleich unaufgeklärte wie patho-gnostisch verschoben aufklärende Unreinheit dadurch, dass insbesondere der Fledermauskot beim Übergang auf den Menschen seine Rolle gespielt haben soll. (Wobei ich auf die internationalen Streitigkeiten und Verstimmungen, die zu sehr Wissenschaft und Rationalität exkulpierende subjektive Schuldträger suchen, nicht eingehen möchte.) — Noch ein philosophisch-psychoanalytisches Thema: das nachtaktive Tier, das zwar nicht auf dem Boden lebt, aber doch in Höhlen haust (Unterweltsmetapher!) und deshalb im Westen jedenfalls unheimlich ist.

Warum die Pflanzen aber, die erst recht die stoffliche Zirkularität als Selbstreferenzialität des Lebens insgesamt exponieren ("Düngung"), nicht als unrein gelten? Sie stehen (auch buchstäblich: als Festgewachsene) der Verdinglichung, das heißt der Besetzung des Todestriebs, näher.


Teil II: Zellen-Psychotik: Die "ich-bin-du"-Spiele der Infektion

"Vor allem denke ich, dass Ihnen [Hedwig de Boer, s. o.] gelungen ist, eine Brücke zwischen Medizin bzw. Biologie (also zwei naturwissenschaftlichen Fächern) und der Philosophie (einem geisteswissenschaftlichen Fach) bzw. dem philosophisch geschulten Denken zu schlagen, wenn Sie die auf zellulärer Ebene stattfindende Vorgehensweise zur Befruchtung und Entstehung von neuem Leben und die blinde Fortpflanzungsstrategie eines Virus nah aneinander bringen. Das ist der springende Punkt in der Problematik! Dann wäre das Virus die zerstörerische Umkehrung von Leben(sentstehung) schlechthin, denn es geht ihm nur um ein dingliches, männlich-narzisstisch anmutendes Eindringen, dem die Bedeutung des ... Wirtskörpers endgültig abhandengekommen ist. Merkwürdige Sachen!"

(Dionissios Vajas, aus der Vorstandskorrespondenz)

Versuche ich, mir die Infektion als eine (Todes-)Schwängerung der 'penetrierten' Zelle durch das 'penetrierende' Virion vorzustellen, so scheitere ich an einer Stummelform sexueller Fortpflanzung, die darin  besteht, dass nur die Virionen reproduziert werden und Zellen und Viren auch nicht ihr genetisches Material verschmelzen. Beide Ausfallsmomente bezeichnen dann wohl auf dieser basalen Ebene des Lebens die Differenz zwischen Besetzung und Vermittlung. (Nicht an sich, sondern im Sinn der Repräsentation für mich, das heißt, wenn ich mir den Vorgang eben so vorzustellen versuche, was dann bedeutet, dass das Vorgestellte sehr viel mit dem Vorstellen selbst zu tun habe: dessen Selbstdarstellung ist.)

Wenn die infizierte Zelle als Mutterkörper imaginiert werden will und die Virionen als ihre Programm gewordenen Söhne, dann ergeben sich aus dieser Vergleichung folgende Ungereimtheiten, die den Sinn der "Umkehrung von Leben(sentstehung)" ausmachen:

Die Freisetzung der Virionen wäre dann nicht eine zelluläre Form der Geburt (versus der Zellteilung), sondern käme eher einer Exkrementation des Virions gleich, eines Versuchs der (umprogrammierten) Zelle, das unfreiwillig verschlungene und verdaute Programm in Form von Todessonden wieder auszustoßen.

Auch im Sinn ihrer genetischen Ausschaltung kann die Zelle nicht als Mutterkörper vorgestellt werden, insofern Vaterschaft und Mutterschaft auf dieser Ebene zu hart diskriminiert sind, ein eigener 'väterlicher' (nämlich genetischer) Anteil der 'mütterlichen' Zelle am Virion fehlt. Die gekaperte Zelle kommt tatsächlich nur einer vollautomatischen Fabrik gleich, deren einziger informeller Anteil darin besteht, in der Reproduktion gelegentlich genetische Kopierfehler einzubauen. Und erst dadurch erlangt das Virus die Möglichkeit seiner Evolution, die Möglichkeit, für neue Wirtskörper neu zu sein und somit in vielzelligen Lebewesen gegen deren Immunsysteme einen kurzen evolutionären Vorsprung zu haben.[2]

Das lässt vermuten, dass die Beziehungen von Virus und Zelle erheblich intimer sind, als man sich das gewöhnlich so denkt respektive denken möchte.

Weiterhin kann trotz dieser angedeuteten Intimität beim infektiösen Vorgang auch deshalb nicht von einem Mutter-Sohn-Inzest[3] gesprochen werden, weil andere, noch nicht infizierte Zellen – und nicht dieselbe, bereits infizierte Zelle – infiziert werden. Mit dem Zwischenschritt der untergehenden Zelle beendet sich bereits diese Inzestform auf dem Weg des dinghaften Begehrens und statt autonomer, absoluter, selbstgegründeter Wesen wird ein Heer hochbedürftiger Virionen ausgestoßen, das außerhalb der Zelle nicht allzu lange überdauern wird.

Das Abhandenkommen der Bedeutung des Wirtskörpers (Vajas, s.o.) ist demnach das Abhandenkommen des Wirtskörpers in der nächsten Generation. So gräbt das tödliche Virus zumindest auf zellularer Ebene sich selbst das Wasser ab, das bekannte Problem jeder tödlichen parasitären Existenz.

Diese Selbstreferenzialität des Virus ist nur möglich, insofern die Herkunftsbeziehungen zwischen den (nicht infizierten) Zellen diese als totalisierte Schwesternschaft (respektive Cousinenschaft in späteren Generationen) bestimmen, womit eine Selbstbezüglichkeit auch der Zellen, der durch Teilung, nicht durch Gebären sich fortpflanzenden Wesen, als Gegenstück zur Selbstreferenzialität der Viren konstatiert werden kann.

Inzestlogisch findet bei der Infektion kein Übergang vom Mutter-Sohn-Inzest zum Vater-Tochter-Inzest statt, der Konsumtionsinzest geht nicht in einen Produktionsinzest über. Fern der Drittenposition eines Vaters wäre die angemessene Inzestform als Tanten-Neffen-Inzest anzusprechen, wobei diese Form einerseits gebrochen wird sowohl durch die Differenz zwischen infizierter und nicht infizierter Zelle wie durch die anscheinende Fremdheit von Virion und Zelle (= durch die besagte zu harte Diskrimination von Vater- und Mutterschaft), andererseits verkettet wird durch die totalisierte selbstreferenzielle Schwesternschaft aller Zellen.

Mit dieser Verschiebung in eine Nebenform des Inzests einhergehen die rationalen Vorstellungen, virale Infektionen hätten rein gar nichts mit Inzest zu tun, Viren seien das Andere schlechthin, ein eigener ontischer Bereich.

Mit welchen Begrifflichkeiten man den Vorgang der Infektion aber auch dreht und wendet, immer kommt am Schluss eine Selbstreferenzialität heraus, ein doppeltes Desaster von Zelle und Virus, deren Zusammentreffen als gegenseitige Medienimmanenz funktioniert. (Die Zelle als Medium der Viren, die Viren aber auch als Medien der infizierten Zellen.)

Die Selbstreferenzialität der Zellteilung könnte als die ursprünglichste Todesabwehr so ausgesprochen werden: "Ich teile mich, so überlebe ich als meine Kopien den Tod einer einzelnen Kopie, die ich selbst ja auch nur bin." Dieses Wunderwerk erschafft allerdings zugleich den abgewehrten Tod in vermittelter Form der Nahrungskonkurrenz, die diesen Urnarzissmus der Zellteilung bricht ("Die Geister, die ich rief...").

Philosophische Spekulationen, dass die Vorformen der Viren womöglich direkte Waffen der ersten Zellen gegeneinander gewesen sein könnten, scheitern allerdings am Umstand, dass die Fachwissenschaft viele konkurrierende Theorien ausgearbeitet hat, auf die eine tragfähige Spekulation jeweils different sich erst einmal einzulassen hätte.*

Verkompliziert werden die Verhältnisse zudem, wenn man sich mit dem Immunsystem vielzelliger Lebewesen beschäftigt und auf die verschiedenen Ebenen der Abwehr und der Arbeitsteilung der beteiligten Zelltypen stößt und von den raffiniertesten Gegenstrategien der Bakterien und Viren hört. An welcher Stelle ich – vorzeitig – den Weitergang der hinsichtlich des intellektuellen Eintrags mir selbst noch nicht so klaren Darstellung im Begriffsregister der Inzestformen abbrechen möchte. Man lernt dann wohl nicht nur, dass die Vorstellung der Einheitlichkeit des Körpers nicht stimmt, dass nicht nur jeder Körper ein ganzer Zoo unterschiedlicher Keime ist, die mehr oder weniger aufeinander angewiesen sind und die irgendeinmal alle als Parasiten zueinander gefunden haben, sondern dass auch die Zellen, die nun eindeutig genetisch untereinander identisch sind und den phantasmatischen einen Körper arbeitsteilig bilden, gelegentlich voreinander durch Killerzellen beschützt werden müssen, was die eigentliche Differenz von infizierter und nicht infizierter Zelle und die Vorstellung, dass die infizierte Zelle der Phänotyp des Virus sei und die Virionen nur deren Keime, als die Vorstellung des Körpers über sich als einer Gesellschaft mit inneren Widersprüchen verschiedener Todesabwehren bewahrheitet.

__________

[1] Rudolf Heinz, Geld als Exkrementalsymbol, in: Psychoanalyse und Philosophie 3. 3. Jg. Heft 1/2001. Hg. von Psychoanalyse & Philosophie, Düsseldorf 2001, S. 9.

[2] Da unterschiedliche Viren allerdings auch unterschiedliche Mutationsraten haben können, wird anscheinend selbst dieser marginale Beitrag der Zelle von der Viren-RNA gesteuert.

[3] Die unvorbereitete Einführung des Inzestbegriffs verdankt sich einer Vorgabe der psychoanalytischen Trieblehren des Ödipus-Komplexes, des Narzissmus und des Todestriebs. Der nachfolgend benutzte Begriff der Selbstreferenz will das Gemeinsame dieser Trieblehren zusammenfassen: das Andere selbst zu sein, zu disponieren, zu nichten.

[*] Anhang:

Der vorletzte Absatz lautete in einer ersten Fassung:

"Philosophische Spekulationen, dass die Vorformen der Viren womöglich direkte Waffen der ersten Zellen gegeneinander gewesen sein könnten, scheitern allerdings am Umstand, dass die Fachwissenschaft viele konkurrierende Theorien ausgearbeitet hat, auf die eine tragfähige Spekulation jeweils different sich erst einmal einzulassen hätte. Aber welche Funktionen auch immer Viren am phylogenetischen Anfang der Zellbildung gespielt haben mögen, bei meiner oberflächlichen Recherche entdeckte ich nichts, was der Vorstellung, dass sie eine gewichtige Rolle gespielt haben müssen, dezidiert widersprechen würde. Es scheint, dass Viren eine gleichzeitige Zugabe zur todestrieblichen Selbstreferenzialität der Zellteilung dargestellt haben."

Die letzten beiden Sätze nahmen eigentlich das zuvor Gedachte zurück und so provozierten sie den folgenden, vollumfänglich zutreffenden Einspruch:

"Soweit ich die Diskussion überblicken kann, besteht ein ernst zu nehmender Streit zwischen den Virologen, inwiefern das Virus respektive Virion eine nicht weiterentwickelte Vorform der Zelle (und des Lebens), Zurückgebliebenes also, sei oder – und das entspricht ja auch eher dem Gedankengang sowie der wohl hauptsächlich vertretenen virologischen Meinung – aus der Wirtszelle – aus deren RNA bzw. DNA – Entstandenes ist. Letzteres erweist die Virionen und Viren als parasitische Memorialitäten, als Todesopferabwehrgedächtnis, das vermittels des – intellektuell pointierten – Infektionsgeschehens in konkretistisch agierende Erinnerung gesetzt wird: Inbegriff von Krankheit mithin. Es scheint mir dergestalt, dass Viren nicht am Anfang der Zellbildung eine Rolle spielten, sondern nachträglich die Erinnerung der Zellbildung leisten. M. E. ist das auch eher die den vorhergehenden Ausführungen entsprechende Version?" (Christoph Weismüller, aus einer Mail an den Autor, 26.5.2020.)

Was war die Scheu, diese letzte Pointierung deutlich herauszustellen? Was war die Not, in dieser wissenschaftlichen Frage unnötigerweise mich neutral halten zu wollen, als würde Neutralität nicht auch dieselben fachlichen Kompetenzen verlangen wie eine Positionierung, und deshalb sogar noch die Neutralität durch das blanke Gegenteil des zuvor Gedachten herstellen zu wollen? Diese Not ist die der Repräsentation einer Arepräsentativität, die vom Bild der gegenseitigen Medialität von Virus und Zelle befeuert wurde und die in der gemiedenen Frage apokritisch wird, was eine Amemorialität überhaupt zu sein vermöchte (ich würde behaupten, dass auch jene anderen biologischen Thesen zum Ursprung der Viren nicht umhinkommen, implizit diese alternative Genesis als "Todesopferabwehrgedächtnis" konstruieren zu müssen). Dionissios Vajas hat in einer Mail an den Autor und an Christoph Weismüller diese Not wie folgt ausgedrückt:

"Mit Deinem 2. Teil zu Corona hast Du in praxi und exemplarisch fast alle Schwierigkeiten aufgelistet, die unsereinem begegnen, will man sich an den neutral-semantischen bzw. unendlich semantisch auffüllbaren und differierenden Text eines naturwissenschaftlichen Genres – einen Text bar aller (vertrauter) Alltäglichkeit und somit total nichtssagend – heranmachen. Es zeigt sich agonal die Grenze philosophischen Denkens als eine durch die Spaltung der Wissenschaften hervorgerufene erkenntnistheoretische Grenze, die sich im Verzweiflungsfall bis hin zu einer ontologischen avanciert.

Zu Beginn neigte die Waage sich nach der Seite der Mutter (Zelle), also weg von den Programmsöhnen (den Virionen) und das, so scheint es,  aus gutem Grund, da die Mutter (Zelle), sich selbst treu, sich einen Teil des ihr allein zustehenden Geburtsvorgangs an sich riss.

Die Zellteilung ist (ja, das ist sie!) ein verrückter Vorgang. Vielleicht ist die Teilung der Zellen als Fortpflanzungsmethode das, was man auf der 'organischen' Ebene des nur allein und innerhalb der Geschlechtlichkeit richtig zu begreifenden Einzelnen halbwegs den platonischen "Androgynos" nennen könnte; dass ursprünglich Mann und Frau eine Einheit bildeten und welche dann irgendein Gott oder ein böses Omen auseinanderbrachte.

Was die Entstehung der Viren angeht, so bin ich während Deiner Lektüre auf den Gedanken gekommen, dass sie als im Zwischenbereich der Dingpsychotik entstehende Lebensformen die Lebensfetzen der Zellteilung selbst sein müssten; 'Fetzen', die dann dinglich und äußerst toxisch sein müssten und allzeit dabei sein müssen, den Abbauprozess des Lebens in Gang setzen zu können. 

Wir haben nichts zu gewinnen, das ist mein Eindruck, wenn wir uns mit naturwissenschaftlichen Texten auseinandersetzen – auch dann nicht, wenn man versuchen würde, aus dem der Bedeutung und des Sinns verlustig gegangenen Tiefbereich der Naturwissenschaften herauszukommen, um etwa jene Bedeutung und jenen Sinn im analogen Verfahren zurückzugewinnen. Die Gravitationskraft würde einen stets nach unten ziehen. Es bleibt also als Charakterisierung naturwissenschaftlicher Phänomene bei dem, was Du, Christoph, sehr prägnant 'Gedächtnisisolat' genannt hast. Was man naturwissenschaftlich fallen ließ, das lässt sich nicht mehr auflesen." (Dionissios Vajas, 28.5.2020)

* * *


Andrea Dennemann
Vom Bruch und den Berechnungen

In der Tat ist mir in den ersten Wochen der sogenannten Corona-Krise vieles nicht gelungen und ich bin ziemlich aus meiner Mitte geraten, konnte mich schlecht konzentrieren und alles ging nicht so richtig von der Hand. Zunächst fiel es mir schwer zu begreifen, was mit mir los war, was mich da so aus der Bahn geworfen hat. Angst vor einer Erkrankung, berufliche Überforderung (die Praxis war eher erschreckend leer) oder Existenzängste – alles das war es nicht. Ich glaube, es fehlten plötzlich vor allem die vertrauten Orientierungspunkte, die Verortung in den alltäglichen Abläufen. Es zeigte sich die Bedeutung einer Struktur hinsichtlich der Psychohygiene und es wurde mir klar: Eine extern verordnete Kontemplation funktioniert nicht und führt ganz im Gegenteil eher zur Un-Ruhe. Ebenso wog und wiegt immer noch die Monothematik der Zeit schwer.

Nach und nach wurden mir weitere Motive für mein Unbehagen klar und die innere Stabilität verbesserte sich wieder, gleichwohl eine latente Anspannung weiter vorhanden ist:

Ist dies der Bruch im Sinne einer längst fälligen Begrenzung des andauernden Strebens nach Wachstum, welcher der rasenden Expansion, deren Ziel es anscheinend ist, den der Natur innewohnenden Verfall/das Sterben/den Tod zu negieren, endlich Einhalt gebietet? Und wenn es so ist, begreift "Menschheit" das jetzt und stellen wir endlich etliches in Zukunft in Frage? Wie groß wird das Opfer werden? Irritierend war und ist die allzeitige Omnipräsenz der Statistik als manipulativer Taktgeber, die mit unverfrorener, narzisstischer Überzeugung suggeriert, dass sie im Stande wäre, alles – auch alle menschlichen Angelegenheiten – zu berechnen. Und demaskiert sich aktuell der in der Gesellschaftsform der Moderne zunehmend verankerte Konformismus? Tritt das passive – um Hannah Arendt zu zitieren – "Sich-Verhalten" nun endgültig an die Stelle des aktiven Handelns? Entsteht als Folge davon mehr Raum für Verschwörungstheorien und nimmt gleichzeitig die Fähigkeit ab, im überbordenden Konformismus im Sinne der Sache Covid-19 diejenigen zu tolerieren, die anderer Meinung sind und eine andere Handlungsweise für sich beanspruchen? Opfern wir am Ende Empathie und Fürsorge (Sterbebegleitung, Besuche in Altenheimen) bloßen Berechnungen?

Abschließend möchte ich noch Anmerkungen/Gedanken von Herrn Prof. Weismüller anfügen, die er nach dem Lesen des obigen Textes ergänzend und weiterführend verfasst hat:

Aber wird Covid-19 sich in solche Maßnahmen der Quantifizierung aufheben lassen? Wird Sars-CoV-2 mitsamt seinen weiteren Mutationen den Zahlen, Berechnungen, Statistiken weichen? Kaum! Doch mag es hinsichtlich kommender Entscheidungen und Handlung anempfohlen sein, die Opfer der Berechnungen mitzubedenken und das Berechnen dergestalt bedenklich werden zu lassen.

Kommentar:

Christoph Weismüller:
Zur Verrechnung von Sars-CoV-2

Nachdem das neue Virus zur Erkrankung und zum Tod von Menschen führte, die Ansteckungsketten sich immer mehr ausweiteten und das Virus als Sars-CoV-2 und die Krankheit als Covid-19 ihre Namen erhalten hatten, setzte die große Verrechnung ein, die Transformation von tödlich bedrängender Realität in disponiblen Zahlenordnungen. So kommt eine phantasmatische Todesabwehr in der Gestalt berechenbarer verrechnungslogischer Quantifizierung auf. Es handelt sich dabei um das Bemühen der Aufrechterhaltung und Sicherung der Rationalitätsorientierung, die, todesfluchttrieblich, auf Verdinglichung und Warenhimmelabsolutierung ausgerichtet, wohl exklusiv im autopoietischen Zirkel als Weg zum Glück zu wahren ist.

Was hat es auf sich mit Rechnungen, Zahlen, der Quantität? In dem von diesen Begriffen benannten Komplex stoßen extreme Bewegungen zusammen, die vielleicht am ehesten mit Hegels Begriff des "Aufhebens" zu erfassen sind: Rechnen schafft und sichert die Differenz (initiales Rechenverfahren müsste also die Division sein), konkret heißt das: die Differenz insbesondere vom Mutterkörper, aber auch zu den Geschwistern. Rechnen bringt beziehungsweise rettet dergestalt die geistige und körperliche Lebbarkeit eines Einzelnen und bildet die Grundlage für dauernde Beziehungen – und wird also nicht unberechtigt so hoch geschätzt. Andererseits aber wird zugleich die reale, qualitative Beziehung zugunsten einer abstrakten, quantitativen "aufgehoben", 1. genichtet, 2. angeblich auf eine höhere Stufe gehoben und 3. im und als Gedächtnis gewahrt. Diese im Rahmen der abendländischen Rationalität der Verdinglichung aufs Höchste geschätzte "Aufhebung" kann so stark werden oder ist aktuell bereits so stark gediehen, dass nur über sie vermittelt wieder ein Bezug zu der realen, qualitativen Beziehung aufgenommen werden kann (Wirklichkeit gibt es nur vermittels ihrer Aufhebung) beziehungsweise es kann die reale, qualitative Beziehung nur gemäß der vermittelnden quantifizierten und verdinglichten überhaupt wahrgenommen und erfahren werden (die Vermittlung strukturiert Wahrnehmung und Urteilsvermögen). So scheint der Fluch der Berechnung und deren verdinglichender Mitgang, in welche alles Lebendige zu verschwinden droht, einer anfänglichen Teilung sich zu verdanken, die sich nur als "Berechnung" – im Sinne der 'Wahrung als und im Gedächtnis' zur und als Sicherung der Reproduktion von Differenzen – halten kann, so dass das Geteilte nicht sogleich wieder ins AllesNichts (die mütterliche Einfalt) zurückstürzen muss. Von solchem Zurückstürzen aber ist alles Lebendige (= Abgeteilte) dauerhaft bedroht und nur durch die Berechnungen, solche formale Gedächtnisbildung, als Distrubutions- und Tausch-Algorithmen, davor bewahrt, und zwar solange die Berechnungen und die Rechenoperationen fortgesetzt werden, von den Grundrechenarten über die intuitive und weitere Mathematik bis zu den konkreten technischen und ökonomischen Ausgestaltungen virtueller Welten, also dem ultimativen Erscheinen des Verschwindens respektive der "Aufhebung".

So entspricht das Elend des Endes dem Glück des Anfangs? Zumindest kann so deutlich werden, dass das initial Geflohene stets erhalten bleibt und immer ausgeprägter in dinglicher, technischer, ökonomischer Form oder auch als Krankheit dann wiederkehrt im Komplex des Fliehenden, der neuesten Berechnungsmaschinen, die vom "aktiven Handeln" 'entlasten' und nur noch berechenbare Dienstbarkeiten, "Sich-Verhalten" (H. Arendt) zulassen --- mit den wenigen Ausnahmen, um welche nur wenige sich bemühen, inmitten der Berechnungsorganisationen.

Innerhalb dieser Berechnungsorganisationen werden die Toten, die Covid-19 erlagen, in Zahlen aufgehoben. Die Digitalisierung und die damit verbundene Virtualisierung von Existenz haben das Dingphantasma auf den Höhepunkt der Zeit gebracht und wahren die Phantasie der Sicherheit, dass der Tod zu überwinden, dass Herrschaft über den Tod zu erreichen sei. Auf eben dieser Phantasie ruht zumal die innere Logik der Quarantäne und der folgenden Vorsichtsmaßnahmen.

* * *


Lenia Kerber
Traum einer Frau im Mai 2020

Ich gehe im Supermarkt einkaufen. Wir sind zu zweit, ich weiß aber nicht, wer die andere Person ist. Ich gehe ganz ans Ende des Supermarktes, wo die Milchprodukte im Kühlregal stehen und gucke auf die Joghurts im Regal links. Neben 4er-Packs Joghurt klebt ein Zettel, auf dem steht, dass man nur 1 Packung nehmen darf. Ich überlege, ob es einen Unterschied macht, wenn wir beide mit je einem eigenen Einkaufswagen unterwegs sind und getrennt an die Kasse gehen. Ich nehme ein Milchprodukt in die Hand, als plötzlich das Licht ausgeht. Dann merke ich, dass alles erstirbt und der komplette Strom weg ist. Ich spüre Gefahr und weiß, ich muss handeln. Ich greife mir die andere Person, offensichtlich ein Kind, rede mit ihr, bemerke, dass der Gang mit den Kühlprodukten doch keine Sackgasse ist, ziehe das Kind mit, überlege, nach links oder nach rechts, und bringe es schließlich links in einer Nische in Sicherheit.

Ich befinde mich in einem großen Raum im Erdgeschoss. Es scheint sich um ein Warenhaus zu handeln. Es sind viele Menschen unterwegs. In der Mitte ist eine große breite Treppe, die nach oben führt. Ein Mann mit einer Waffe betritt das Kaufhaus, eine Schusswaffe, eine größere Pistole. Eigentlich sind es zwei Männer, aber dann bleibt nur der mit der Waffe. Er bedroht alle und schließt uns in dem großen Raum ein. Ich denke, wir sind doch so viele und könnten uns wehren, wir könnten ihn überwältigen, aber keiner macht was. Der Mann ist dann draußen, aber alle bleiben im Raum, obwohl der viele Fenster hat und man ohne Probleme ein Fenster einschlagen könnte. Aber er würde die Scherben und das eingeschlagene Fenster sehen und uns dann bestrafen.

Ich bin dann in einem dunklen Raum, der von der Erdgeschoss-Halle abgeht. Wir sind zu zweit, und ich bin ein Mann. Der Raum ähnelt einem Gewölbe, aber hoch, oder einer Toreinfahrt. Ich kann nach außen sehen, durch einen waagerechten Spalt über dem Boden fällt Licht, so als ob ein Tor nicht ganz mit dem Boden abschließen würde, und ich sehe die Füße der Passanten. Draußen ist eine Fußgängerzone und ich überlege, dass draußen wohl das Leben weitergeht. Ich versuche zu sehen, ob die Passanten allein oder zu mehreren unterwegs sind. Ich weiß, dass ich Jahre in diesem Gewölbe verbracht habe. Plötzlich wird vom Kaufhaus her die Tür aufgerissen, es gibt ein lautes Geräusch und ich erschrecke mich sehr. In der Tür steht ein junges Paar, vielleicht in den Zwanzigern, das mir/uns mitteilt, dass man raus kann. Ich gehe mit, zuerst nach innen, um dann direkt neben dem Gewölbe eine große Öffnung nach außen zu sehen, mit Türen, Schranken und mehreren Autos, der Zugangsbereich zu einem Krankenhausgelände oder vielleicht auch eine Mautstation. Ich kann gar nicht erkennen, wo innen und wo außen ist, und ich denke an rein und unrein und ungefährlich und gefährlich. Ich bin unsicher, in welche Richtung ich gehen soll und wo ich sicher bin. Ich gehe nach rechts und bin draußen. Der Junge, der ich bin, verabschiedet sich mit einer Umarmung von dem Paar, und ich schaue von außen drauf und bemerke, dass in den Jahren des Eingeschlossenseins der Junge zu einem jungen Mann herangewachsen ist, der gleich groß ist wie das Paar.

Draußen ist eine Kriegslandschaft, schwarz-weiß, mit Ruinen und heruntergekommenen Gebäuden. Meine Begleitung sieht links das Gebäude ihrer (seiner?) alten Studentenverbindung fast in Trümmern und will dorthin gehen. Ich sehe vor mir ein anderes Gebäude, wohl eine Universität, und zum Eingang führt eine große Treppe mit vielen Löchern, auf der andere Menschen unterwegs sind. Mit meiner Begleitung befinde ich mich dann in diesem Gebäude, wo ich wie von einer Galerie oder dem ersten Stock eines Einkaufszentrums über eine große Treppe nach unten blicke. Überall sind Menschen, die Unterricht haben. Ich höre eine Flöte (vielleicht handelt es sich um eine Musikschule) und rufe meine Begleitung herbei, die hinter mir geblieben ist, weil ich weiß, dass der Klang dieser Flöte zu ihrer Familie gehört und sie jetzt wieder zu Hause angekommen ist.

Ich bin auf der Straße, stehe auf einer Art Verkehrsinsel. In der Mitte ist eine U-Bahn-Station, von der aus eine Treppe nach oben führt. Ströme von Menschen sind unterwegs. Ich merke, dass sich nach den Jahren des Eingeschlossenseins viel verändert hat, vor allem die Gesichter der Menschen. Ich frage mich, ob ich noch jemanden erkenne und ob mich noch jemand erkennt. Ich stelle mich so auf die Verkehrsinsel, dass ich die Leute sehen kann, die in Massen aus den ankommenden Bussen aussteigen, und hoffe, jemanden zu erkennen und erkannt zu werden. Ich fühle mich erinnert an die Nachkriegszeit, als Familien am Bahnhof unter den Heimkehrern Familienmitglieder zu entdecken hofften. Ich erkenne aber niemanden und mich erkennt niemand, und ich fange heftig an zu weinen.

Auf der Verkehrsinsel verziert eine Frau, eine entfernte Verwandte, eine Tischdecke für ihre Mutter. Sie schreibt mit einem grünen Stift Wörter auf die Tischdecke und muss am Schluss quer schreiben und die Wörter quetschen, weil der Platz nicht reicht.

Ich bin wieder in dem großen Raum, dem Warenhaus, sehe aber keine Waren, wieder mit vielen anderen Menschen, wieder werden wir eingeschlossen, aber diesmal ist der Täter eine Frau, eine kleine, dicke Frau, ganz unauffällig, die die Tür von außen zuschließt. Irgendwann schließt sie die Tür wieder auf, was aber nur ich bemerke. Sie spricht mich an und wir reden über das Draußen- und Drinnen-Sein. Eine sagt: "Ich will gar nicht raus", eine sagt "Ich will gar nicht rein", aber wer sagt was? Ich weiß es nicht. Wir durchqueren den Raum und verlassen ihn gemeinsam auf der anderen Seite, während wir miteinander reden. Ich denke: "Sie hat es gar nicht gemerkt! Ich bin draußen!" und bin unendlich erleichtert. Ich weiß, dass ich die Polizei anrufen möchte und muss, weil die anderen ja noch eingeschlossen sind. Zuerst muss ich aber Abstand von dem Gebäude gewinnen.

Ich gehe einen gewundenen Weg nach unten und sehe die Rückseite von Sacré-Cœur oben auf einem Hügel. Der Anblick ist schön und ich möchte ihn unbedingt in einem Foto festhalten, deshalb krame ich in meiner Tasche nach meinem Handy. Ich habe 2 dabei, will eigentlich mein Privathandy nehmen, finde aber nur das Firmenhandy, das eine dickere Hülle hat. Ich versuche, die Pin einzugeben, aber das klappt und klappt nicht. Vielleicht trage ich Handschuhe, denn ich treffe die Ziffern nicht, ich sehe die falsch eingegebenen Ziffern und dann die Sternchen auf dem Display, ich lösche, ich tippe neu, aber ich schaffe es einfach nicht. Dann ist es zu spät, denn ich sitze in einem Bus, der weiterfährt, und ich kann kein Foto machen. Der Bus fährt mich den kurvigen Weg weiter.

Ich stehe am Fuß eines Hügels, von dem ein Bach herunterfließt, und plantsche mit den Füßen im Wasser, das aber in einer Pfütze endet und matschig ist. Jemand erklärt mir, dass man das ganze Wasser, das von Sacré-Cœur herunterfließt, braucht, um die Versorgung aufrecht zu erhalten. Neben der Pfütze beginnt eine große Treppe aus Stein, auf der viele junge Menschen sitzen, so wie die Treppe am Burgplatz in Düsseldorf. Ich befinde mich am oberen Ende der Treppe auf einer Art Aussichtsplattform und unterhalte mich mit mehreren jungen Menschen. Ich fühle mich wohl. Plötzlich findet ein junger Mann ein Feuerzeug aus Silber, und ich weiß instinktiv, dass das Feuerzeug gefährlich ist. Er glaubt mir nicht und will es betätigen und ich schreie und laufe weg, will wenigstens 5 Meter schaffen, am besten noch um die Kurve, bevor die Explosion erfolgt – und dann klingelt der Wecker.

Kommentar:

Dionissios Vajas:
Zum
Traum einer Frau im Mai 2020

Ein einzigartiger Traum! Und wie er endet! In seinem labyrinthischen Werdegang verliert man ständig die Aussicht auf einen Ausweg ins Freie.

Der Traum gibt die traumatische Stagnierungssituation während der Corona-Zeit wieder. Die ständig rückkehrenden Mahnungen, man möge die Kontaktsperre und die Einschränkungen der Freiheiten einhalten, schufen einen inneren, hohlen, dämmrigen Raum des Eingeschlossenseins – der aber, insofern Raum hier eine Explikation der Zeit darstellt (einer Zeit, in der die verbale Wiederholung der Maßregeln tonangebend war), eine Dynamik des Zurückdrängens des Traumsubjekts, des Träumenden, hervorruft, die das Subjekt, den Träumenden, trotz des Zeitfortschritts und der sich daraus ergebenden Raumverlängerung (Raum als ein Tunnel) mit entsprechend anwachsender Kraft an den Anfang fest drückt.

Während der Corona-Zeit ist man nicht nur nicht von der Stelle gekommen, sondern erlitt man auch einen Regress, den der Zeitfortschritt im Sinne einer aufreißenden Öffnung des Zeittunnels nach hinten herbeiführte.

Man bewegte sich sozusagen mit dem Rücken rückwärts nach hinten und zwar, als würde man aufgrund des Zurückdrängens nach unten geschoben, in den sich öffnenden retroaktiven Zeitraum fallen.

Deshalb vielleicht auch der Generationssprung zurück auf die Jugend bzw. die Kindheit, aber auch die Geschlechtsmutation als Ergebnis jener linearen Dynamik eines hohlen, tunnelartigen Raums (anatomisch-formell wird der Phallus als umgestülpte Vagina angesehen).

Aber auch die Zeit nach Corona als Mittel, um endlich aufzuwachen, wird gebührend berücksichtigt: Sacré-Cœur, Paradies-Imitat (Bäche fließen von einem Hügel hinunter ins Tal), Aussichtsplattform.

Das kleine Feuerzeug als die mitgeschleppte, sich von Etappe zu Etappe anpassende und stets aggressiver werdende Negation (negative Dialektik als die Vorgehensweise zur Anhäufung des Unangenehmen) ist dazu da, um dem nie enden wollenden Ganzen ein Ende zu bereiten. Damit ist gemeint: den dünn gewordenen Traum und dessen spätere Textur in Brand zu stecken. Es ist gut, dass es Wecker gibt!

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Andrea Dennemann
Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster

In der Zeit der aktuellen Covid-19-Pandemie scheint mehr und mehr Raum für Verschwörungstheorien zu entstehen und gleichzeitig die Fähigkeit abzunehmen, im überbordenden Konformismus im Sinne der Sache Covid-19 diejenigen zu tolerieren, die anderer Meinung sind und eine andere Handlungsweise für sich beanspruchen.

Meiner Beobachtung nach bieten sich derzeit vor allem zwei gesellschaftliche Strömungen beziehungsweise Verhaltensmuster dar, die auf den ersten Blick diametral zueinander stehen. Zum einen gibt es ein zunehmendes Aufbegehren gegen die aus der Covid-19-Pandemie resultierenden Einschränkungen von vermeintlichen Freiheiten – zwar aus unterschiedlicher Motivation, aber doch vor allem verschwörungstheoretisch beeinflusst –, zum anderen prägen weiter – sicherlich die größere Anzahl – die konformistisch Sichverhaltenden mit einem zwar überschaubaren, aber doch bemerkenswerten Hang zum Denunziantentum und (noch) gehemmter Aggression das Bild.

Unterscheiden sich diese wirklich grundlegend voneinander? Ich denke nicht. Sie wirken entgegengesetzt und operieren doch gleich. Die gemeinsame Wurzel ist die unveränderte Omnipräsenz der in Tabellen und Berechnungen dargelegten und somit permanent angemahnten und in Erinnerung gehaltenen Anwesenheit von Verfall, Krankheit und Tod. Dem gilt es wie stets zu entkommen. Aber die Vermittlung über Kultur (bis vor kurzem nur digital und aktuell immer noch sehr reduziert und Corona-modifiziert verfügbar), Konsum (desgleichen) und Kirche (anscheinend in dieser Zeit verschwunden, da keinerlei fühlbare Präsenz) ist nahezu ausgehebelt. Es geht also darum, Wege zu finden, die eigene Sterblichkeit zu überwinden und zu verdrängen, ihr die Anerkennung jetzt und hier erst einmal zu verweigern. Also folgen die einen fast auf eine metaphysische Weise der Idee einer außerhalb der von Mensch postulierten Covid-19-Realität liegenden Begründung (Bill Gates-Mikrochip-Theorie, außerirdischer Einfluss, Gottes Fluch und Segen, Gehirnwäsche als Werkzeug geplanter politischer Machtergreifung et cetera) und die anderen nahezu gänzlich passiv, sich verhaltend den Heilsversprechen des aufgestellten Regelwerkes (Maskenpflicht, Hygienemaßnahmen, social distance et cetera).

So postuliere ich: Motiv und Ziel sind gleich, lediglich bedienen sich beide einer unterschiedlichen Variante auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster.

Nicht, dass ich missverstanden werde: Ich finde entsprechend der jeweiligen Situation sowohl Gegenwehr als auch konformes Verhalten durchaus sinnvoll und notwendig, aber diesem muss ein innerer Diskurs, eine Auseinandersetzung, ein Durchlaufen von Distanz und Anerkennung vorausgehen, um dann in Form eines aktiven Handelns durchgeführt zu werden. Ist das geschehen? Ich bezweifele es.

Historisch gesehen ist dies nicht die erste Pandemie. Auch begrenzte Lockdowns hat es schon gegeben, Verschwörungstheorien waren stets ein treuer Begleiter. Die Todesraten in der Vergangenheit lagen teilweise deutlich höher (zum Beispiel fünfzigtausend Tote [gemäß Übersterblichkeitsstatistik] während der Hongkong-Grippe in Ost- und Westdeutschland 1968). Und doch scheinen wir aktuell um ein Vielfaches stärker erschüttert zu sein. Ist das – abgesehen von der Allgegenwärtigkeit der Medien – eine Folge davon, dass wir uns mehr denn je als eine immune Gesellschaft verstehen, die in der Lage ist, alles zu überwinden? Sind wir daher überhaupt bereit für eine reale, qualitative Bewertung der jetzigen Situation? Oder verharren wir in einem abstrakten, quantitativen Moment?

In der Zeit der Pandemien 1957 (Asiatische Grippe) und 1968 (Hongkong-Grippe) nahmen die Menschen diese kaum wahr, ein kulturelles Gedächtnis für die Ereignisse wurde erst gar nicht gebildet. Vielmehr war man mit der Angst vor einem drohenden Atomkrieg und den Folgen des Kalten Krieges befasst. Wovor haben wir eigentlich Angst?

Kommentar:

Christoph Weismüller
Die Hegel'sche "Aufhebung" und die Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster

Wie die Hegel'sche "Aufhebung" zusammenzudenken sei mit den Parteien einerseits des Widerstands gegen die Corona-Verordnungen und andererseits der Fürsprecher solcher Verordnungen? Solche Aufgaben- und Fragestellung schätz ich sehr, weil sie mich nötigt, nochmals inne zu halten und die Tradition in ihrem Verhältnis zur modernsten Moderne, die Menschheit, deren Phantasmen und Begehren und irgend darinnen auch mich im Verhältnis zu den Menschen und Dingen denkend zu verorten.

Vor allem passt das zum heutigen Pfingsttag, auch zum Pfingstmontag, der als erster Tag aus der Osterzeit tritt, also 50 Tage nach dem Ostersonntag stattfindet und sich damit auch als der erste der – ihrem Anspruch nach alles Mundane "aufhebenden" – christlichen Kirche auszeichnet. Insbesondere da Pfingsten in christlicher Tradition als der Tag der Gründung der Kirche verstanden wird – in Referenz auf das Zusammenkommen der Apostel und Jünger im gemeinsamen Verständnis, vermittelt durch den heiligen Geist –, in der die Einmaligkeit des Ereignisses der Ausgießung des heiligen Geistes als dauerndes Phänomen bewahrt bleiben kann, und insoweit damit das jüdische Fest Schawuot, die Feier der Offenbarung der Tora, okkupiert, also in die christliche Kirche wie "aufgehoben" wird, haben wir es zu Pfingsten geradezu mit einem komplexen Aufhebungs-Ereignis zu tun.

Auf die aktuelle Situation bezogen, gilt es nun zu fragen, welche Gestalt die "christliche Kirche", dieser Ort zur absoluten Aufhebung, angenommen hat gemäß der Entwicklung der Produktivkräfte. Welches ist der Ort, an dem Apostel und Jünger im gemeinsamen Verständnis, vermittelt durch die Ausgießungen des heiligen Geistes, in der aktuellen Epoche zusammenkommen? Meine naheliegende Antwort darauf lautet: Wie weiland, so wird auch heute die Aufhebung wie heilend gesucht im virtuellen – phantasmatisch den Tod überwindenden – Raum vermittels dessen kirchenhafter Materialisierung, die im Auftrag ihrer Entmaterialisierung um des Eingangs ins wahre Leben steht. Diese Materialisierungen haben heute nicht mehr nur Namen wie katholische oder evangelische Kirche – oder etwas anders auch Islam, Judentum, Buddhismus –, sondern wie Internet, Smartphone, Apple, Google, YouTube, Facebook und so weiter.

Wie nun sind diese Gedanken in Bezug zu bringen zu den von Ihnen thematisierten Parteien einerseits des Widerstands gegen die Corona-Verordnungen und andererseits der Fürsprecher solcher Verordnungen?

Dass diese Parteien überhaupt so entstehen können, spiegelt eine schwache Vaterposition im gesellschaftlichen Kontext wieder. Aufgrund solcher Schwäche kann der Zugang zum Ort des Begehrens nicht gemäß eines durch eine anerkannte Gruppe von Menschen (Priester, Väter) vermittelten Narrativs erfolgen, sondern es erweist sich die Möglichkeit solchen Zugangs – zum Ort des Begehrens, dessen Referenz durchweg der maternale Körper ausmacht – als hochgradig unsicher. "Unsicher" heißt in solchem Zusammenhang, dass die Schuld- und Gewaltverhältnisse solchen Zugangs nicht verbindlich abgedeckt, sondern an einigen Stellen offengelegt und erfahrbar gemacht sind als letztlich todesbedrohliche und somit die Sterblichkeit des filialen Körpers reklamierende Situationen. So werden todesfluchttriebliche Abwehrreaktionen provoziert, und zwar – grob differenziert – in den Komplementärversionen der Corona-Vorschriften-Gegner*innen und der Corona-Vorschriften-Befürworter*innen.

Was charakterisiert jene, was diese?

Erstere zeichnet aus der Kampf gegen die Zurechtweisung, gegen eine paternale Position und deren bestimmendes Wort, und zwar im Namen einer anderen, verschwiegenen, einer reklamierten wahren, aber unterdrückten Position. Wider die paternale Interventionsposition reklamieren die Vertreter*innen dieser Gruppe offensichtlich einen direkten, ungehinderten Zugang zum Ort einer ursprünglich maternalen Wahrheit, die womöglich schon zum Opfer für den Glauben an die bestehende Unwahrheit phallischer Selbstbehauptung gebracht wurde. Sie gehen aber davon aus, dass sie dieses schon erbrachte Opfer der maternalen Wahrheit durch spezielle, quasi magische Handlungen und Rituale wieder erwecken und in ihr Recht einsetzen können, das vornehmlich darin bestünde, die Erweckungspriester*innen ins schützende Haus der Mutter zurückzunehmen und so ins wahre Glück der unsanktionierten Einheit zu führen. Kurz: Es imponiert der Ausdruck inzestuösen Begehrens und damit zugleich des immensen Irrtums, dass der inzestuöse Kurzschluss ein Heilsweg sein könnte, gleichwohl alle Heilsversprechen solchem Schema folgen. Als ganz besonders problematisch aber erweist sich das Fehlurteil, es könne ein Opfer der Wahrheit respektive das Mutterkörperopfer als Wahrheit oder als Mutter(körper) restituiert werden. Denn kein Restitutionsunternehmen kann das rückgängig machen, was vorgefallen ist. Das heißt: Restituiert werden kann, wenn überhaupt, nur das Opfern, die Gewalttat. Daraus erklärt sich zumal die nicht nur subakute Gewaltförmigkeit dieser wider die – paternal-signifikante – Gewalt aufbegehrenden Gruppe.

Auf einen ersten Blick hin friedlicher scheinen die Corona-Vorschriften-Befürworter*innen zu sein. Doch könnte das daran liegen, dass diese die Gewalten weiterhin abgetreten sein lassen an die paternale, patriarchale, phallische Position und nicht versucht sind, diese als Sicherheit gebende verstandene Macht im Namen einer verdrängten maternalen Position zu bestreiten. Im Gegenteil ist diese Gruppe eher dadurch charakterisiert, auf der Grundlage der Befürchtung eines maternalen Übergriffs, der alle Subjektivität und Individualität zu tilgen droht, diese paternale als die vermittelnde und Differenz und somit vermeintlich Subjektivität und Individualität wahrende Position zu stärken. Bei dieser handelt es sich mithin um die Kastration und Tabu sichernde Position.

Beides also sind Komplementärfiguren, die in ihren filialen Positionen eine basale, konkretistische, kollektiv organisierte Darstellung der Aspekte des ödipalen Unbewussten der elektronischen und vor allem Bild gebenden Kommunikationsmedien leisten. In diesen elektronischen Zugängen zu den materiell basierten virtuellen Räumen sind die realen 'Beziehungen' verrechnet und entsprechend quantifiziert "aufgehoben". Aus diesen medialen Räumen werden die real möglichen qualitativen 'Beziehungen' der technischen Entwicklung der Zeit angemessen, durch diese vermittelt und bestimmt, wieder abgeleitet. Zu tun haben wir es also mit der kollektiven Inszenierung des Unbewussten der aktuell reüssierenden technischen Medien, dieser Kirchen der aktuellen Zeit, des Ödipuskomplexes mithin; leidenschaftlicher Einsatz für den Inzest einerseits und fürs Tabu andererseits. Auch auf der großpolitischen Bühne sind entsprechende Verhältnisse aktuell ebenfalls wiederzufinden. Da fallen insbesondere wohl die politischen Aktionen des US-Präsidenten D. Trump, erstere Gruppe betreffend, und der bundesdeutschen Bundeskanzlerin A. Merkel, die zweite Gruppe betreffend, ins Auge und Denken.

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Anhang:

Dionissios Vajas
Traum: Der jenseits aller Statistiken liegende Körper

Gestern [9. Juni 2020] las ich flüchtig den neuen Corona-Text von Frau Dennemann. In der Nacht träumte ich wie folgend:

Jeder Mensch ist ein Exemplar der Gattung und als solches trägt er das Virus in sich – dabei dominiert in meinem Denken der Gruppencharakter von Menschenleben. Das Virus ist real, nichts sich jenseits der menschlichen Sinne Befindendes, also nichts Unreales, sprich nicht Nicht-Existierendes, weil es etwa wissenschaftlich mittelbar Erschlossenes ist. Es ist real, weil es Raum im Menschen einnimmt.

Die Menschheit trägt die Krankheit wie etwas potenziell operativ Extrahierbares in sich, das aber innerlich mit dem Körper zusammengewachsen ist.

Ich schicke meine Tochter in den geschlossenen, unterirdischen Raum hinein, dessen Eingangstür wie eine Luke aussieht.

Im Raum, nah der gegenüberliegenden Wand, vor nagelneuen, den Raum vor der Wand diagonal streifenden Maschinenröhren und auf dem Boden befindlichen Maschinenkorpus-Teilen stehen ein paar Ärztinnen in weißen Kitteln und warten wie auf besorgniserregende Untersuchungsergebnisse.

Mein Blick erhascht zwischen den Röhren den steifen, weil toten, tiefgekühlten Riesenkörper (über das menschliche Maß hinaus gewachsen) eines nackten Menschen. Ich sehe die breite, korpulente Brust und Zeichen auf der Haut, die darauf hindeuten, dass chirurgische Werkzeuge, wie etwa Sequesterzange beziehungsweise gebogene Schere die Haut stellenweise malträtierten.

Die Stellung des schräg den Boden berührenden Riesenkörpers erinnert stark an ein Lesezeichen und wie man es bei V-Stellung eines halboffenen Buches anbringt. Der Körper ist so zwischen den Röhren positioniert, dass dessen Richtung auf Nordost zeigt.

Sobald ich das nackte Fleisch erblicke, wende ich instinktiv den Kopf ab: Ich möchte nicht traumatisiert werden.

Wie der Traum endete, weiß ich nicht, vielleicht wachte ich ... kurz sanft auf und schlief dann wie lethargisch wieder ein.

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Axel Schünemann
Interpretation zum Traum: Der jenseits aller Statistiken liegende Körper

Im Nordosten geht die Sonne auf. Aber dieser Traum zeigt, wie alle Träume, jenseits der euphorischen Anbetung dieses Vorgangs, was davon zu halten sei: dass es sich um einen traumatischen Vorgang des Schlafopfers handelt. Sehr direkt zeigt der Traum das Schlafen des Körpers als den riesigen Körper, der bereits Spuren des Erwachens an seiner Oberfläche zeigt, die vom Traum medizinisch rationalisiert werden. Doch sind diese Spuren des medizinischen und dinglich gewaltsam hergestellten = schlafopfernden Blicks auf den (Schlaf-)Körper in erster Linie eine Selbstdarstellung des Traums als bereits dem Träumer entzogen geschehene Selbstdarstellungsarbeit, die den Körper im Traumschlafmodus der Unbewegtheit zeitigte.

Der philosophisch denkende und wie bildlos anmutende – ergo das Bild erst noch suchen müssende – Traumanfang ist autosymbolisch wie folgt zu übersetzen:

"Das Virus ist real" – das heißt: Der Traum ist real, die Infizierung des Tiefschlafs mit dem Virus des Erwachens ist real.

Das Virus ist "nichts sich jenseits der menschlichen Sinne Befindendes" – das heißt: Der Traum bedarf der sinnlichen und insbesondere visuellen Darstellung, das heißt weiterhin: Ich, der Gedanke des Traums, muss jetzt dringend zum Bild finden!

Das Virus ist "also nichts Unreales, sprich nicht Nicht-Existierendes, weil es etwa wissenschaftlich mittelbar Erschlossenes ist", – das heißt: Der Traum ist nichts, was jenseits seiner Phänomenalität geschieht, weil er etwa nur technisch-operativ vermessener REM-Schlafphase wäre. Der Traum ist vielmehr nur das Phänomen hic et nunc:

Das Virus ist "real, weil es Raum im Menschen einnimmt" – das heißt: Der Traum ist real, weil er im schlafenden Menschen stattfindet (wenn auch erst nachträglich als Erinnerung und verdinglicht und sozialisiert als Protokoll: die Fortschreibung des Phänomens-hic-et-nunc).

"Die Menschheit trägt die Krankheit" – das heißt: den Traum als die Selbstdarstellung des Erwachensübergangs – "wie etwas potenziell operativ Extrahierbares" – das heißt: als potenzielle Schrift, als Traumprotokoll – "in sich, das aber innerlich mit dem Körper zusammengewachsen ist." Das heißt: Trauminhalt ("Krankheit") und Traumselbstdarstellung ("Körper") sind innerlich = inhaltlich zusammengewachsen.

Es ergibt sich ein Doppelbild einer deutlichen Trennung von Schrift und Traum und einer ebenso deutlichen Identität, einer Vermischung von Primärprozess und sekundären Bearbeitungen. Bild 1 sieht Traum als etwas, das nicht von außen in den Körper kommt, sondern immer schon im Körper 'präsent' ist und das aber nachträglich als Schrift extrahiert werden kann. Bild 2 lässt auch die Extrahierbarkeit mit dem Träumenkönnen innerlich zusammengewachsen sein. (Ich bin mir aber nicht sicher, ob dieses Doppelbild im konkreten Fall so auch stimmt.)

Insofern die medizinische Operation, das Virus, also den Traum, aus dem Körper herauszuschneiden, bereits geschehen ist, kann nun nicht mehr erwacht werden, so die traumimmanente Wunscherfüllung (welche zusätzliche 'subjektive' Wunscherfüllungen natürlich nicht ausschließt: etwa die, dass das Virus in jedem Körper sei, so das niemand mehr infiziert werden kann und die Krankheit auf andere – vor allem individuell disponierbare und also projektiv isolierbare Beschuldigungen ermöglichende – Verschuldungen zurückzuführen sei; das ist für eine Aufklärung der Beschuldigungsdiskurse und Verschwörungstheorien sicherlich nicht ganz ohne Bedeutung)[1].

Weshalb kommt der Gruppencharakter des Menschenlebens in den Anfang des Traums?

Ich denke, dass hier der Tagesrest der Lektüre gewaltet habe, insofern er die Gruppenkonstitution erinnert, das Aneinanderentstehen der beiden Gruppen der ödipalen Mutterkörperbesetzung und der Reklamation des Gesetzes des Vaters. Und der Traum macht keine halben Sachen, indem er nur eine der beiden Gruppen erwählt. Der These von Frau Dennemann angemessen, verschiebt und verdichtet er die beiden scheindifferenten Gruppen zu einer einzigen beziehungsweise zeigt ihren identischen Bezug auf den todestragenden, sterblichen Körper: Der zu besetzende Körper – mein Eindruck beim Lesen des Protokolls war: eines Mannes – wird besetzt im Namen des Vaters mittels der entsendeten Tochter!

Das Hinabsteigen durch die Luke ist sicherlich eine klassische Schwellensymbolik im Sinne Silberers pointiert als Absteigen in die Unterwelt des Traums, das heißt in seine Mechanik, ein besonders leicht einsichtiger Autosymbolismus des Traums.

Worüber besorgen sich die Ärzte, da doch das Erwachen als Tod des Schlafkörpers bereits eingetreten ist? Drei simple und letztlich identische Antworten: Es droht die Wiederauferstehung des Körpers als Untotenkörper als das zweite Erwachen, deshalb die Tiefkühlung (Narkose). Wenn die Ärzte die Viren, Wecker, in diesem Riesenkörper sind (mit dem sie als Repräsentant in jenem unteririschen Körper zusammen sind), dann stürben sie allerdings irgendwann mit dem getöteten Körper. Und szenisch argumentiert: Wenn der Körper tiefgefroren bewegungslos bleibt, endet der Traum. Und so muss es wieder zu einer Bewegung kommen, worauf sich die Sorge als doppelte Sorge über Bewegung und Bewegungslosigkeit als jeweilige Beendigungen des Traums bezieht.

Warum ist der geträumte Körper ein Riesenkörper? Gibt es hierzu Tagesreste? Generell lässt sich jedenfalls sagen, dass die Abhängigkeit des Traums vom Zustand des Schlafens sich als dieses Missverhältnis der Größen vorstellig macht: Der Schlafkörper trägt den größeren Anteil am Zustand – nicht am Inhalt – des Traums. Zugleich ist die Größe der Aufgabe formuliert, das zweite Erwachen zu verhindern.

Warum ist der Körper nackt? Antwort: Weil Traum mit dieser Enthüllung des Schlafkörpers sich als diese Enthüllung und als kompensatorische Verhüllung durch die Ärzte und den unterirdischen mechanischen Raum-Körper träumt: also in Rücksicht auf Darstellbarkeit, in der Hülle (im unterirdischen Raum) auf diese Hülle (auf die beschädigte, angerissene Haut des Schlafs) zu sehen.

Was symbolisieren die diagonalen Röhren? Auch diese sind ohne Kenntnis von Tagesresten für mich nur spekulativ als Ausdruck des Umstands zu deuten, dass Covid-19 in einigen der schweren Fälle zunehmend sich auch als eine Gefäßkrankheit zeigt (Produktion von Gerinnseln). (Was sehr gut zu Christoph Weismüllers Thesen zum Virus passt, insofern bereits im Körper selbst eine Art Globalisierung stattzufinden scheint.)

Geht es darum, in diesen Röhren Flüssigkeiten von (links?) unten nach (rechts?) oben zu pumpen, so handelt es sich allerdings um die Erwachensdarstellung, die dann auch das Aufstehen autosymbolisch vorwegnimmt (= überflüssig machen will und vorerst auch macht): als übergängig diagonaler Kompromiss von Liegen und Stehen, horizontaler und vertikaler Achse.

Schließlich – ich darf etwas abkürzen – zielt der Traum auf seine Selbstaufklärung des Verhältnisses zum Trauma, das er nachtnächtlich ist, Trauma seiner Endlichkeit, die er selbst durch deren Abwehr paradox herstellt. Das Thema Corona und Traum ist derzeit wohl vor allem im angelsächsischen Sprachraum wissenschaftlich wie auch in Social Media in Bezug auf Traumatisierung ein großes Thema. Das Internet wird mit traumatischen Corona-Träumen intensiv gefüllt. Die Erklärungen dazu bieten oft auch bedenkenswerte Momente, wenn etwa die traumatische Situation von Pflegepersonal und Medizinern angeführt wird oder die ungewohnte Situation im Home-Office entweder als alarmistischer Zustand oder als Ermöglichung, auszuschlafen und entsprechend sich mehr mit den eigenen Träumen zu beschäftigen, angesprochen wird. Die gnostischen Möglichkeiten, welche die Träume in eigener Sache als der Sache des Wachlebens zur Aufklärung anbieten, wurden allerdings bei den Seiten, die ich mir anschaute, gar nicht genutzt. Zum Unbewussten des Home-Offices als eine verdinglichte Traumwelt, als verdinglichender Kompromiss aus Schlafen ("Home") und Wachen ("Office") fand ich bei der Recherche keinerlei Überlegungen. Die klugen Überlegungen der Wissenschaften zu Träumen in Zeiten der Pandemie, zu Traum und Trauma, begnügen sich anscheinend damit, die Traumaträume auf Strukturen zurückzuführen, die selbst dann nicht mehr hinsichtlich des Traums, aus dessen Begehren stammend, bedacht werden.

In diesem Sinn denke ich, dass das unklare Ende des Traums genau diese Aufklärung szenisch als das Körper- und Triebschicksal – um an die letzte Veranstaltung von Psychoanalyse und Philosophie e. V. vor der Pandemie zu erinnern – eines jeglichen Traums zeigt: "Sobald ich das nackte Fleisch erblicke, wende ich instinktiv den Kopf ab: Ich möchte nicht traumatisiert werden." Alle Träume dieser Welt unterscheiden sich letztlich nur in der Art solchen Abwendens und des Versuchs, "nicht traumatisiert zu werden", das heißt des Opfers des Fleischs des Traums als dessen Untergang unerwachend ansichtig werden zu müssen. Gut vorstellen kann ich mir also, dass bereits das Abwenden des Kopfes ein solches sanftes Erwachen war, wie Dionissios Vajas es für später erwägt, das sofort in den Schlaf und also in unerinnerbare hypnagoge Phänomene (die mangels Erinnerbarkeit also streng genommen gar keine Phänomene sind) abgleiten ließ.

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[1] Gemäß des 7. Kapitels von Freuds Traumdeutung ist als Antagonist der unbewussten Wunscherfüllung das Vorbewusste vom Wunsch (respektive vom Bedürfnis) erfüllt, zu schlafen und nicht geweckt zu werden. Mithin basiert dieser 'Gegenwunsch' auf einer schlafimmanenten Verschwörungstheorie, welche die Maßnahmen der Abwehr bestimmt. Von daher lässt sich sagen, dass für eine Theorie der Verschwörungstheorien Freuds Traumdeutung (also die Psychoanalyse) und Silberers Ergänzung (in pathognostischer Erweiterung) von höchster Relevanz sind.

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Dionissios Vajas
Eine innenansichtige, eigene Interpretation des Traums vom Riesenkörper

Die den ganzen Traum überbietende, wie ein Leitsatz überspannende Erkenntnis, zu der man erstmals kommen muss, lautet:

"Im Nordosten geht die Sonne auf. Aber dieser Traum zeigt, wie alle Träume, jenseits der euphorischen Anbetung dieses Vorgangs, was davon zu halten sei: dass es sich um einen traumatischen Vorgang des Schlafopfers handelt." (Axel Schünemann, siehe dessen Interpretation meines Traums.)

Unlösbar zwiespältig bleibt der Unterschied zwischen dem Einzelnen als getrenntem Exemplar der Gattung und dem multiplen Vorkommen desselben in der Gruppe als Gruppe. Dieses dunkle Verhältnis, in dem beide Seiten den Wesenscharakter für sich in Anspruch nehmen, ohne dass jedoch Trennung beziehungsweise Verschmelzung herbeigeführt werden kann, ist das, womit der Traum beginnt. Man könnte die eindeutige Verortung von Etwas, dem Virus, im menschlichen Körper als einen (um dem Silberer'schen Denken der hypnagogen Gleitübergänge alle Ehre zu erweisen) autosymbolisch prima gelungenen, sprich glatten Übergangsversuch begreifen, aus der Spaltung des dunklen Verhältnisses (eines dynamischen, vertikalen Vakuums, in dem aktiv, aber unentschlossen hin und her gependelt wird) ein körperliches Etwas im Körper selbst entstehen zu lassen als indifferente, kompakte, kugelhafte Vermengung sowohl der konkreten Wesenspositionen (entweder Einzelner oder Gruppen) als auch deren dunklen Verhältnisses als einer Raumangelegenheit ("entweder oder" beziehungsweise "sowohl als auch").

Wenn ich die Tochter in den geschlossenen Raum entsende, der im Fortgang des Traums als eines Abenteuers der Erforschung sich dem verschreibt, was Ursache in Zukunftstopos (siehe unten) sein soll, so habe ich feigherzig einen Schritt zurückgetan und schickte die Tochter anstelle ... meiner (ein quasi 'Zellteilungsvorgang' auf menschlicher Handlungsebene), anstatt dass ich selbst mich hinein begebe – sprich meine Verjüngungskopie, die als der Menschentypus der Frau per definitionem angstfremd ist: da Kampfeslust eine männliche Attitüde ist, so ist auch deren Kehrseite, die Angst und Feigheit, ebenfalls ein männliches Verhalten.

Ich möchte indes kurz das besagte, autosymbolische Phänomen eines glatten Übergangs, genannt Ursache in Zukunftstopos, voll auswerten, zu dem man kommt, wenn man Früheres und Späteres eng aneinander führt. Eine Art ontologischer Verkehrung findet statt, gemäß der das, was Ursache und somit Geschehenes ist, vor mir liegt, also Zukünftiges darstellt – damit es eben ... erforscht wird. Auf diese Weise verwandelt sich Forschung, die der Traum beziehungsweise der Träumende betreibt, in eine Art schonungsloser Verstrickung, da der Schritt hinein in die Zukunft und ins Abenteuerfeld der Erforschung der Ursache schon beim Fußfassen, das als Realisierungsmoment für die Szenerie gilt (sie gerät dadurch in Bewegung), umkippt und das Vergangene sich als vor mir sich erstreckender, begehbarer Weg reklamiert (Desorientierungs- und Konfusionsfaktor).

Die Ursachenerforschung der Wissenschaften ist somit ein Widerspruch in der Sache selbst: sowohl im Hinblick auf die Unmöglichkeit, ein in einem vergangenen Zeitabschnitt stattgefundenes Ereignis dem nach hinten verstreichenden Zeitfluss entreißen zu wollen, als auch hinsichtlich der dann voll aufgebauten Absurdität, der besagten Widersprüchlichkeit in der Sache selbst, nämlich sich in einen geschlossenen Raum der Ursachenkonstellation hinein zu begeben als in einen künstlich erzeugten Raum auf einem noch nicht realen Zukunftsabschnitt der Zeit. Der in der Zeit (in der Zeitdimension der Zukunft) wie in einem Nest liegende, fremde Körper der ad hoc erzeugten Ursachenkonstellation, das Labor, als ein Stück Vergangenheit, weist außerdem eine zum Zeitfluss verkehrte Richtung auf. Dies hat zur Folge,  dass alle Forschung von der kompletten ontologischen Verwirrung getragen wird, dass Zeit keine Rolle spielt und dass dieses Vakuum im Korpus der Zeit die Brutstätte der technologischen Entwicklung als einer neuen, maschinellen, mit ihren Antinomien kämpfenden Realität ist.

Die Tochter wird also in die Gefahr hinein geschickt, weil sie eine Verjüngungs- und Verkleinerungskopie des Vaters ist (alles tiefsinnige Deszendenzschlüsse des träumerischen Denkens). Dadurch wird Zeit gewonnen und kann dementsprechend der erforderliche Mut durch das Vorhandensein eines Präzedenzfalles aufgebracht werden. Die Tochter taucht dann im Traum nicht mehr auf.

Der geschlossene, unterirdische Raum ist der Innenraum des Körpers als eines kranken. Im Körperinneren waltet das Virus, das unter die Lupe der Erforschungsambition sein Innenleben offenlegt und aufgrund der Verkehrung der Zeitrichtung zum Auffangort des Gesamtlebens der bis dahin registrierten Traumproblematik wird.

Dass das Virus sein Unwesen im Körper treibt und in dieser seiner Zerstörungsarbeit unaufhaltbar ist, illustriert der Traum mit der Maschinensymbolik der Röhre und der Apparaturen im unterirdischen (das heißt krankheitsdepressiven) Raum, der wiederum insgesamt steht für: den Menschenkörper als einen inneren, ausgeweiteten Untersuchungsraum.

Die Ärztinnen sind da, um das Schlimmste (eine Exazerbation) einer zu erwartenden Entwicklung zu bestätigen  (das Virus wäre nicht furchterregend, wenn es nicht jeden mit dem eigenen Tod bedrohen würde).

Ein großes Rätsel gibt sicherlich der überdimensionale menschliche Körper (übrigens, ein Zombie) auf, der nicht unter die Räder, wohl aber zwischen die Maschinenröhren geraten ist. Der Riesenkörper, der in den Mythologien Griechenlands und der nordischen Völker so oft vorkommt, ist auch Bestandteil der Bibel und der heutigen Gläubigen:

"In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten" (Genesis, 6, 4.)

Der steife Riesenkörper ist das Einzige im Raum, das stellvertretend für die Memorialität des Lebendigen steht.  Um das nachzuvollziehen, muss ich noch etwas zu seiner Phänomenalität anfügen: die rosa Hautfarbe, die hin zum Rot (blutorangenfarben) tendiert und welche an den lebendigen Menschen denken lässt. Des weiteren ist der Unterschied zwischen Haut und Körper zugunsten des letzteren aufgehoben. Fazit: Der Körper ist nicht mit Luft aufgefüllt, denn ein Luftballon verfügt über eine Außengrenze, sondern ist ein insgesamt – als dessen Naturelement – angeschwollenes, undifferenziertes Fleisch durch und durch. Um zum Schluss zu kommen und der langwierigen Folge der Zeichen und deren Aufklärungsdeutungen Einhalt zu gebieten: Der Körper ist dabei abzuheben, will sagen, er ist in diese Höhle der wissenschaftlichen Untersuchungen heruntergezogen und dient dem Zahlen- und Formdenken als purer Gegenstand.

Seine Stellung als ein in einem halboffenen Buch anzubringendes Lesezeichen (eine Wurfbewegung wie zur Öffnung eines Fächers) erinnert zugleich als diese eingefrorene Bewegung an das Einstecken des Stifts in die Brusttasche eines Kittels und rekurriert somit auf den permanenten Gebrauch der Zahlen und der Nonstop-Erstellungen von Statistiken – daran, dass der Körper durch diese Registrierungstätigkeit, die ihm widerfährt und die er gleichzeitig selbst ist (sofern sie ihn ja zu retten beabsichtigt), ums Leben und ... ums Sterben kam.

Wenn das Virus als das Kleinste den Wissenschaftlern und in der Corona-Krise dem einfachen Mann von der Straße sichtbar geworden ist, so muss der Körper – wie die Seele des Gläubigen am Glauben groß wird, so auch er an seinen Leiden[1] – am selben Strang ziehen.

Es gibt Ärztinnen, keine Ärzte im Raum! Der Traum ist patriarchalisch motiviert – allein dadurch, dass er von einem Mann geträumt wurde. In seinem impliziten Wesensdenken heißt dies, dass in einer männerdominierten Gesellschaft Trost nur vom Mitmenschen gespendet werden kann, der vom selben Geschlecht ist beziehungsweise mit dem man wesensverwandt ist. Ich erinnere an dieser Stelle den heiteren Witz: Frauen stammen von der Venus, Männer vom Mars ab. Die Frauen in diesem Traum als den Männern ebenbürtiges Geschlecht, nicht als überragende, alle zwischengeschlechtliche Konkurrenz schlagende Mutterfiguren, sind da, um aufgrund der prinzipiellen, geschlechtsbedingten Andersorientiertheit (letztere macht die Expression und Vermittlung von Mitleid zu etwas ihnen Unbekanntem) das jenseits allen Gefühls liegende Telos zu bestätigen – allerdings in einem unheimlich verlangsamten, fast stagnierenden Warten (dem wir schließlich alle mehr oder weniger während der Corona-Krise unterliegen im Sinne des Hintanhaltens der Ansteckungserwartung).

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[1] "Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, wie groß bist du!" Psalm 104, 1. In der Septuaginta wird die Verbindung, etymologisch gedacht, "groß werden" verwendet: "εὐλόγει, ἡ ψυχἡ μου, τὸν Κύριον. Κύριε ὁ Θεός μου, ἐμεγαλύνθης σφόδρα.", Psalm, 103, 1. Übersetzt: "Lobe den Herrn meine Seele! Herr, Gott mein, du bist aber unheimlich groß geworden". Und "Auch wenn wir nicht wollen: Gott reift." Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Das Stundenbuch, Insel Verlag 1986, S. 208.

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