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Psychoanalyse und Philosophie e. V., Düsseldorf
Mitglied in der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf e. V.
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Philosophische Gedanken zur Covid-19-Pandemie und zum SARS-CoV-2


Christoph Weismüller
Zu Corona, SARS-CoV-2, und Covid-19:

I.

Globalisierung und Wirtschaftswachstum schlagen zurück. Die mit diesen geschaffene Grenzenlosigkeit, indifferenzierende Entgrenzung nach den algorithmischen Vorgaben kapitalorientierter schizoider Objektivitätsproduktion öffnen die Zugänge zu den Körpern aller. Wie steht es um mögliche Gegenmaßnahmen zu solchem global umfassenden Schizo-Netzwerk? Solche müssen notorisch paranoisch ausfallen, hier werden Eingrenzungen vorgenommen, dort Ausgrenzungen wiedereingeführt und radikale Restriktionen gegenüber Produktions-, Tausch- und Körperverhältnissen durchgeführt — allemal wohl, um die verbliebenen Restwiderstände gegen Globalisierung und Wirtschaftswachstum, die radikale Indifferenz, (fast) am Ende der Möglichkeit der (gerade noch einmal rettenden) Kapitalexpansion in jene selbst ding- und technologiegenerativ aufzuheben.

II.

Es scheint dieses neue Virus ein der Zeit angemessenes Rationalitäts(selbst)aufklärungsphänomen zu sein: Im Gegensatz zu seinem Coronavirus-SARS-Vorläufer ist diese aktualisierte Version nicht mehr auf den Einzelnen (dessen Lunge, intrakorporal) fixiert, sondern – gleichsam im Sinne der Erfüllung des Viruswesens – gänzlich entsubjektiviert, es nutzt – wie jedes Virus notwendig – einen Körper (als Wirt), ein Subjekt, jetzt quasi nur noch, zumindest extrem verstärkt, als Überträger, als (Virionen-Projektions-)Medium (in Entsprechung zu "Helikoptergeld" und elektronischer Allvernetzung), scheint also vielmehr auf die allemal grenzenlose Allverbreitung ausgerichtet zu sein, eine virale Globalisierungsrekorporalisierung, Körperkurzschluss mit den Dingen (Virenwesenselbstdarstellung) im Extrem dergestalt, dass Impfmaßnahmen selbst neutralisiert werden (können), Technik wie unmittelbar renaturalisiert wird und nur der archaische (aber technologisch höchstgerüstete) Kampf wider jedes Einzelvirus vorgenommen werden kann. Corona, genauer: SARS-CoV-2, ist tatsächlich eine den Hochrüstungen der virtuell-viralen Kriegstechnologie angemessen korrespondierende Mutation, virale Extrempsychotik, ein Engelklangleuchten.

III.

Tausch ist die Bewegung mit und in der der Tod verschwinden gemacht werden will – hingegen aber als progressive Todestriebbewegung die Todesdistribution und -exekution extrem dynamisiert gemäß der Kraft der Todesabwehr.

Covid-19 markiert die geflohene Schuld und übernimmt die Distributionsbewegung des Organs: Viren statt Luft, Sauerstoff, Blut, Transmitterstoffe. Vornehmlich – aber keineswegs exklusiv! – in der Lunge und im gesamten Respirationstrakt bildet das Virus sich und macht diese Organorte zu den primär auserwählten. Auserwählt ist dergestalt in ganz besonderem Maße das distributorische Organ, die Lunge, die auf die Außenwelt übergriffig sogend Sauerstoff in den Körper zieht, den vernutzten Atem wieder aushaucht und so – im Zwischen dieser beiden Bewegungen – den Körper inklusive der Lunge selbst zu erhalten ermöglicht durch Weitergabe, Verteilung des dem Übergriff geschuldeten Vereinnahmten und Wiederveräußerung des toxisch aufgeladenen Restes. Die Luft, die sie vereinnahmt, muss möglichst rein sein, um solche Distributionsaufgabe rein auch vollziehen zu können. Denn auch hat dieses Distributionsorgan, um nicht zu sagen: diese Distributionsapparatur, eine Filterfunktion. Unreinheit fängt sich in der Lunge – wie in den anderen Organen, in denen das Virus seinen Selbsterfüllungs- als Generationsort einnimmt –, 'markiert' somit deren schuldiges Tun, die Schuld des Übergriffs auf die Außenwelt, der Verinnerung und der Vereignung des Fremden und zeigt dergestalt die Unmöglichkeit der Einlösung des Begehrens, unschuldig Bewegung, zumal Distributions- beziehungsweise Tauschbewegung, auszuführen: Restlose Weitergabe von Schuld ist nicht möglich, auch nicht im möglichst rein distributorischen Vorgang.

Dennoch bleibt die restlose Reinheit begehrt. Doch es insistieren die ungewollten Reste, Markierungen geflohener Schuldigkeit, die das Opfer am Ort ihrer Erinnerung wieder ins Leben rufen als tödliche Krankheit, hier Covid-19: Markierung des Ortes des – notorisch betrügerischen, Opfer ausfällenden – Tauschs. Gleiches gilt für die anderen Befallsorte, das Zentralnervensystem, Gehirn, Herz et cetera: Covid-19 signifiziert die geflohene Schuld, lässt am korporalen Erinnern der Opfer vergehen: an Orten, die allesamt reiner Durchgang, restlose Distributionsorgane nicht sein können und dergestalt am eingelagerten und unwillkürlich einbehaltenen Inzestrest vergehen müssen. Das Virus als Kind des Inzests bildet an den Befallsorten Abwehr- und Inzesttabu-Bewegungen symptomatisierend aus – Orte der Schuld- und Opfermemoria, die letalisierend insistieren und in ihrer Distribution progressiv mortalisierend operieren.

Allein die technologische Version als Maschinenoptimierung zur Medikamenten- und Impfstoffproduktion et cetera, solche technologische Bergung der Schuld objektiv isoliert und fixiert scheint Aufschub in Sachen 'Pandemie' gewähren zu können: insofern nicht die Einzelnen die Schuld anzuerkennen und einzubehalten vermögen, sondern tauschbegehrlich in Distribution halten. So aber weilt Covid-19 als Provokation der Todestriebrepräsentanzen im Sinne der Distributoren progressiver Letalität.

IV.

In der aktuellen Krisensituation, in der fast alles abgesagt werden muss, in der Zeit der grassierenden Pandemie und der Quarantäne, finden die dingliche, technische, soziale, ökonomische, politische sowie die künstlerische Kultur sich nicht nur auf die Frage ihrer Legitimation gestoßen, sondern sie sind weiter noch auf die Frage nach ihrer Möglichkeit – auf die radikale Frage der Freiheit zwischen Sein und Nichts – zurückgeworfen.

Solches zeigen konkret und machen aktionistisch öffentlich zumal die sehr praktischen Konsum- und Sozialverhalten: Bundesweit über Tage und Wochen ausverkauftes Toilettenpapier zeigt das Problem des 'auf sich' respektive auf die 'Familie' Zurückgeworfenseins an als kollektiv unaufgearbeitetes Trauma der analen Phase; beängstigte Arbeit an der Sicherung der Fundamentaldifferenz (gegenüber den Fäzes), Arbeit an eines jeden Möglichkeit, an der Freiheit zwischen Sein und Nichts. Des weiteren imponiert die Einrichtung von Notunterkünften nicht nur für Covid-19-Fälle, Einwanderer oder Obdachlose, sondern für Frauen und Mütter mit Kind als Folge der Quarantäne: Auf diese Weise zeigen sich die Konsequenzen der elektronischen Besetzung und damit Verhinderung der Vermittlung (der Geschlechter-, Generations-, Lebens-Todes-, Körper-Ding-Differenzen) durch technisch funktionalisierte Orientierungsvorgaben, insbesondere elektronische Netzwerk-Verbindungen.

Die Individuen wie die Kultursphären sind mit der fundamentalen Existenzfrage konfrontiert und müssen Orientierungen nochmals ausloten. Befragt werden sie alle und Ausnahmen davon gibt es nur in der Sicherheit eines steinharten Glaubens.

Aus unseren gewohnten Orientierungskontexten sind wir also herausgenommen und jede Alltäglichkeit wird in Frage gestellt. Zunächst, das ließ sich anfangs noch beobachten, versuchten viele (vor allem jüngere) Menschen auch in Deutschland noch, ihre alten Orientierungsmaßstäbe aufrechtzuerhalten, sie ignorierten selbst die Gefahr, die sie für andere darstellten und machten sich dergestalt zu Verbündeten der bedrohlichen Todesgefahr. Man könnte vereinfachend sagen, sie ignorierten die Todesbedrohung. Doch es muss angemessener Weise auch nachgefragt werden, was solches Denken und Handeln impliziert. Im Rahmen solchen Nachfragens wird man darauf stoßen, dass solches Ignorieren zusammengeht mit dem phantasmatischen sowie auch faktischen Einswerden mit dieser Bedrohung: Identifikation mit dem Aggressor: Die ultimative Rettung vor dem Tod verspricht sich darin, selbst zum tötenden Tod – zumal zum aktiven Virion-Verteiler – zu werden.

Kurz: In solchen Notsituationen wie der aktuellen bricht der alltägliche Orientierungsrahmen zusammen und es werden neue Orientierungen gesucht und alsbald erkannt, dass die eigenen Maßstäbe und auch die von den Institutionen veranlassten Orientierungsvorgaben nicht eine letzte Sicherheit geben können, so dass der Ort der sicheren Gewährleistung von Orientierung zunächst vakant bleibt.

Solche Vakanz, wie sie auch die Absage vieler Veranstaltungen nährt, lässt im Angesicht der Sterblichkeit die Freiheit und als Ausgang zu einer praktischen Neuorientierung womöglich die – aus den erworbenen Traditionen des Denkens mitgenommene, mitgeschickte und in diesem Sinne schicksalhafte – Frage nach der Redlichkeit aufkommen. Aber, wie wir von Hegel lernen konnten: "Unschuldig ist ... nur das Nichtthun wie das Seyn eines Steines". Der Unschuld kann und will aber hoffentlich nicht das Wort geredet sein. Die weitere Ausrichtung und womöglich Neuorientierung der Kultur wird möglich werden als eine Abstoßungsbewegung (Negation) vom "Seyn eines Steines" nach der Maßgabe der Antwort auf die Frage nach der Redlichkeit, als ein Verschulden, das vielleicht Bewusstsein und Erkenntnis von sich zu gewinnen vermag und dies in den Werken der Kultur und insbesondere der Kunst zu einem davon Gedächtnis wahrenden Ausdruck bringen kann.

Sicher, die Abstoßungsbewegung vom "Seyn eines Steines" ist immer ausgerichtet auf die Herstellung von steinharten Dingen, die gemäß moderner Weise auch virtuell sein können, aber eben als feste Orientierungen für der Menschen Wege, als Sicherungen dauerhaften Abstoßens und Fortkommens, dienen sollen. Vielleicht aber bleibt einmal die Geschichte der Orientierungsgabe eine offen lesbare und nicht nur eine herrschaftlich verfügte.

Zum Schluss doch noch profan, pragmatisch, kurz formuliert: Orientierungsvakanz provoziert Gewalt (die fraglos ein Aspekt der Freiheit ist), und es kommt darauf an, wie diese kulturell (politisch, ökonomisch, technisch et cetera) moderiert werden kann beziehungsweise welches Machtwort oder welche Gewaltaufklärung diese Vakanz wieder zu besetzen vermag.

* * *


Dionissios Vajas
Virtuelle Kurzschlüsse

Es schleicht sich der Verdacht ein, dass der Corona-Virus (SARS-CoV-2) zu sehr mit unserer hochzivilisierten, technisch-digitalen (Im-)Mobilitätswelt zusammenhängt. Oft ist die Schuldzuweisung zu hören, der/die Infizierte sei gerade von einer Reise ins Ausland zurückgekommen. Viele Länder reihen sich nunmehr in diese Vorwurfslogik ein und schotten sich von anderen Ländern oder Länderbündnissen ab (in der EU werden die Grenzen doppelt geschlossen).

Falls ein Infizierter/eine Infizierte keine entsprechende Ursächlichkeit bzw. Rückverfolgung des Leidens auf einen Sündenbock zulässt, schaltet sich Paranoia ein – denn dann sei jeder vom ubiquitären, unsichtbaren Feind umzingelt oder dieser wirke bereits in einem selbst.

Da ich neulich eine Reise ins Ausland unternahm und nach der Rückreise in der Nachbarschaft einer Corona-Infektion bezichtigt wurde, möchte ich in Kürze das Thema Grenze und Grenzerfahrung anschneiden.

Mir kommt es so vor, als erhöben sich als Länder- und Staatsgrenzen riesige Spiegelungsbildschirme, die alles erfahrene und erlebte Leben außerhalb in Form einer dichten Halluzination wiedergäben, und zwar so, dass sie den Auslandsaufenthalt in jenem dichten Halluzinationsfilm aufhöben und verabsolutierten, diesen also als etwas Externes streitig machten.

Ein Blick auf diese so aufzufassende Genealogie des Monadencharakters eines jeden Landes lässt vermuten, dass die Passage der Grenze mit Hilfe eines Flugzeugs (das bedeutet die Möglichkeit des Verschrumpfens von Riesenabständen und die zeitliche Annäherung von weit auseinanderliegenden Ländern bis hin zur imaginativen Angrenzung) das Zurückgelassene mitschleppt, ebenso wie das Kielwasser dem Boot folgt und dann das Hinten vorne im Sinne eines digitalen Bildschirmes visualisiert wird (Einflug als sich ins Land ... beamen lassen).

Es handelt sich um eine höchst phantasmatische Situation und innerlich ist es fieberhaft angestrebt, dass diese als Realität fungieren möge. So kann ich mir gut vorstellen, dass dies der Ort der Entstehung des Virus ist. Überall auf der Welt müsste dann unsere moderne Lebensweise des Plattfahrens von allerlei Grenzen und der zügellosen Verbildlichung des Innenlebens von Ländern das Virus produzieren, und zwar als Bestätigung der Prävalenz des Imaginativen dem Wirklichen gegenüber.

Zuletzt las ich im Pschyrembel[1] nach, dass ein Virus, eine invalide Lebensform, weder wachsen noch sich fortpflanzen kann. Auch verfügt es nicht wie jedes Lebewesen über beides auf einmal: DNA und RNA, sondern entweder nur über das eine oder das andere. RNA soll unter anderem bei der Transkription des genetischen Materials während der Fortpflanzung eine Rolle spielen. Das Coronavirus gehört zu den RNA-Viren: ein Parasit hoch zwei; ein Mittelding schlechthin; die Weitergabe einer Information, welche nicht existiert![2] Das Virus scheint unserem digitalen Netzwerkgebrauch den Weg zu weisen.

Ungeachtet dessen wird Sein und Funktionsweise eines Virus als die wahre Revolution in der Biologie aufgefasst, da das Virus zeige, dass bei der Fortpflanzung von Leben (!) auch der umgekehrte Weg möglich sei. Ich sage: Das ist der Weg aus einem introvertierten unhaltbaren, da parasitären Nichts in die proliferierende Selbstproduktion von krankem Sein. 

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[1] Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1993, S. 1638f.

[2] Ein RNA-Virus dient der Transkription eines genetischen Materials, über das es nicht verfügt. Vgl. hierzu:
Junqueira, Carneiro, Histologie. 4. Auflage, Springer Verlag Berlin / Heidelberg / New York 1996, S. 79.

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Hedwig de Boer
Gedanken, en passant, zum derzeitigen Menschheitsthema


Mir kam die Assoziation zum Virus, dass es ja eigentlich auf eine Art verblüffend ist, dass das kleinste Lebewesen, das strenggenommen, soviel ich weiß, nicht einmal als ein Lebewesen gilt, uns als Menschenart mit etwa 7,3 Milliarden Individuen so schwerwiegend verletzen kann, dass Körper und Produktion etc. versterben können und sie es immer weitgehender auch tun, dass also um der Dingproduktion willen Körper geopfert und wieder gefordert wird.

Als Menschenart haben wir lange geglaubt, wir seien die "Krone" (corona?) der Schöpfung (wobei von Schöpfung auch nicht mehr oft die Rede ist) und also die sowohl wichtigste als auch klügste und mächtigste Art unter den Arten. Nun kommt das wohl kleinste Wesen der Erde daher und nimmt uns quasi die Krone vom Kopf. Ich finde das auf eine Art schon fast zum Schmunzeln, wenngleich es wirklich auch nicht witzig ist, sondern sehr ernst.

Die zweite Assoziation zum Covid-19 ist mir der Prozess der Zeugung, das Eindringen von DNA (hier RNA) in eine Zelle (hier Wirt) zum Zwecke der Zeugung von Nachkommen (hier Virionen und neue Viren), die gleichwohl die Wirtszelle auch wieder verlassen, sie aber bei dem Reproduktionsprozess eben meist zerstören.

So gesehen ist der Vergleich mit der Befruchtung einer Eizelle hinkend, diese beginnt Leben durch Einbringen von DNA, das Virus hingegen tötet Leben durch Einbringen von RNA, um Kleinstwesen seiner Art zu schaffen. David gegen Goliath ? Aber es ist ja eigentlich keine klassische Feindschaft, ein Virus hat doch keinen Willen, kein Bewusstsein, es hat nicht einmal Instinkte, es hat ein Miniprogramm auf einer Mini-RNA, wie ein Mini-Computer, der allerdings anders verschlüsselt. Ein Minicomputer schlägt uns, die wir gerade dabei waren den Computer zu verherrlichen. Ein Paradoxon?

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Dionissios Vajas
Die Globalisierung geht in die nächste Etappe
Politik und Wissenschaften auf dem Vormarsch gegen den inneren Feind

Notiz aus Thessaloniki

Von überall her dringt Stille ein; deren Feedback umgibt das eigene Selbst.
Sie lässt sich als eine dicke Schicht spüren, die sich stillschweigend um einen selbst herum webt; eine Stille, die von den anderen und der Umgebung isoliert und die immer wieder eintritt – egal, ob man allein oder in der auf Abstand bedachten Gesellschaft anderer ist, ob man sich innerhalb der eigenen vier Wände aufhält oder außerhalb derselben, draußen, um frische Luft zu atmen und sich zu bewegen.

Die Stille ähnelt jener vom üblichen Sonntagmorgen – wenn die Menschen noch im Bett liegen und die Motoren von allerlei Fortbewegungsmitteln noch nicht von ihrer Samstagnacht-Schlafsucht befreit worden sind.

Gleichwohl stellt aber diese Stille etwas vollkommen Neuartiges dar; sie ist im Wesen anders; sie unterscheidet sich von jeglichem Ruhetypus, den man bis jetzt in seinem Leben hat kennen lernen dürfen.

Man hält sich zu Hause auf und richtet sich, loyal, ganz nach den Anweisungen des Gesundheitsministeriums und des Ministeriums für zivilen Schutz. Die Wohnung wird zu einer Burg, die mit ihren Wänden aus Zement, Stützenschalungen und NF-Ziegelsteinen Schutz ohne Mehrkosten bietet; Schutz vor dem omnipräsenten, plerotistischen Feind, der unsichtbar, unbekannt und apersonalistisch ist.

Man fühlt sich geschützt, und der Schutz reicht bis an den eigenen Körper – dort wird er von der eigenen Körperlichkeit wiederholt, sodass das, was man von nun an ist, ein subtilstes, engelhaftes Ich-Sein, selbst in "seiner" körperlichen Hülle, und zwar, als wäre es der zierlichste und für Außenweltbedingungen nicht geschaffene Kern, in Schutz genommen ist.

Man schläft doppelt geschützt, indem man die rundherum wohltuende, unentwegt und in Hülle und Fülle sich anbietende Sicherheit der von der Bauerlaubnis in weiser Voraussicht erforderlichen Raumeinschränkung und der innenarchitektonischen Binneneinteilung des Wohnraums am eigenen Leibe erfährt (ein Wohnraum mit vielen Schachteln, wie es die Zellen auch sind).

Was aber, wenn man einen Spaziergang zu machen gedenkt? – dabei die ausgefüllte Bestätigung des vom Bürger ausnahmsweise zu unternehmenden Ausgangs und den Personalausweis beziehungsweise den Pass in der Tasche hat? Wer oder was schützt dann einen? Die eigenen vier Wände ist man beim Verlassen der Wohnung losgeworden; letztere lässt man mit jedem getanen Eilschritt immer tiefer in dem Hintergrund zurück.

Dann werden die abwesenden vier Wände zu jener oben erwähnten Stille, die einen selbst wie weicher Bettbezug umwickelt.

Es handelt sich um eine Stille, die von tiefer Lautlosigkeit ist; ein Schweigen par excellence, das einem nicht erlaubt, die Begegnung in gefordertem Abstand mit einem anderen Flaneur zu erleben und das Naturerleben ringsherum unterbindet: eine den Spaziergänger ummauernde Stille.

Der sozialpathologisch einmalige Vorgang kippt bisweilen auch um, transformiert sich in dies und jenes – wenn beispielsweise trotz des anfänglichen Vorhabens auszugehen, die die Bewegungsweite einschränkenden Zivilschutzmaßnahmen sich auf einmal so weit ausdehnen, bis sie mit dem Horizont eins werden (Ymirs Augenbrauen) oder – sollten einem widerspenstige Gedanken durch den Kopf gehen, wie etwa die in jeglicher Hinsicht Schieflage der Globalisierungstendenzen – die ganze Welt treffen, wodurch letztere zu einem Kerker wird.

Da haben wir es: ob zügellose Warentausch- und Bürgerfreiheiten in einer Welt der permanenten Durchlöcherung von Grenzen und Aufhebung von Einschränkungen oder gezähmte Freiheit des neu geschaffenen Weltbürgers als einer Monade auf der Weltbühne, man hält sich konstant im Status quo ante (denn der derzeitiger Zustand ist in Quarantäne) unserer aller Handlungen: dem reizarmen, todlangweiligen, globalisierten Dorf.

Es scheint so, als ob von nun an unser aller Leben von einem periodischen Wettrennen bestimmt würde: ob die Wissenschaften mit ihren Handlangern, den entsprechenden Technologien, und die miteinander verschwisterten politischen Systeme verschiedenen Couleurs den sich neu ergebenden Weltgefahren Herr werden können. (Ist das die neuere Erhöhung der Geschwindigkeit des Zurasens auf die letzten Stufen zur ultimativen Verunbewusstung?)

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Dionissios Vajas
Psychische Derivation von Sars-CoV-1 und Sars-CoV-2
Verfehlter Narzissmus und Omnivorie
(Ein Beispiel von einem psychophysischen Parallelismus)

Lacans Begriff der Ex-sistenz[1] kennzeichnet das, was er das Unbewusste des Anderen nennt. Dieses so aufgefasste Unbewusste insistiert, beharrt auf sich selbst und wirkt doch im Bereich außerhalb des Subjekts, welches laut Lacan die eigene stupide Existenz meint; ein Subjekt, das erst dann anzutreffen wäre, wenn es auf sich selbst zurückgeworfen würde. Um direkt unmissverständlich zu sein und die Lektüre zu erleichtern, verstehe ich das Unbewusste des Anderen im hiesigen Zusammenhang als genitivus obiectivus.

Der Andere erscheint in einem spezifischen Vorsatz des Subjekts in doppelter, funktionseinheitlicher Form. Es gibt den Anderen a) als mir entgegentretende Monade, der b) zugleich die vielen anderen – inmitten ihrer und als die sie überragende Version – bedeutet, weil er repräsentativ für sie steht, deren Eidos musterhaft an den Tag legt.

Dem Subjekt geht es in diesem Vorsatz darum, eigenproduziertes, psychisches Material, das konzeptuell der Rückspiegelung fähig ist, in den Anderen hineinzutragen und hinein zu setzen, um durch den Anderen als einen (bitteschön!) selbstständig handelnden Anderen sich selbst als erstklassiges Ego zu erfahren. Was das Subjekt nicht weiß beziehungsweise nicht wissen kann: Wie es sich mit dem Anderen verhält, wenn es die Entscheidung getroffen und den mit ihr automatisch verbundenen Schritt zur Einführung des 'hochwertigen’ Materials getan hat. Der Andere wird stante pede zu einem leblosen Objekt. Die Einführung unterhöhlt ihn und macht aus ihm eine Schablone.
Der Zweckinhalt des Vorsatzes, sozusagen die Arbeitsspitze, die dem Subjekt ursprünglich als Motiv diente, verschwindet jäh aus dem Horizont, geht im eingekapselten Raum des Anderen unter, und das Subjekt besitz keine Klarheit mehr über das Wozu seines psychischen Aktes. Fazit: Das Subjekt verfängt sich im Anderen gleich einer Schaufensterpuppe.

Von Interesse wäre hier, auch zu berichten, was das Subjekt als Grund für sein Versagen bedenkt. In seinem Verfangensein im Anderen geht es davon aus, dass ihm der Endzweck des ursprünglich ins Auge gefassten Begehrens nicht … im Hinblick auf die Motivation von Tatkraft genug bewusst war, um dann (dafür hält es inne) die Kraft aufzubringen und aus der Kluft der Zwischenetappe herausspringen zu können. Es denkt also, es hat sich aus Unkenntnis der Lage in eine Falle hineinbegeben (was übrigens absolut richtig ist); genauer gesagt, weil es die Flagge seines ursprünglichen Ziels nicht richtig hochgehalten hat (sic!), denn nur so hätte es sein Ziel nie aus den Augen verloren und erreicht.
Die blinde, "meliorierende" Selbstkritik löst bei ihm das aus, was Lacan den Wiederholungszwang genannt hat: Das Subjekt wird sein auf Rückstrahlung ausgelegtes Produkt immer wieder einbringen und es wird immer wieder die bittere Erfahrung machen müssen, dass es in der Zwischenetappe kaputtgeht und dass es zusammen mit ihm im Sumpf (des Anderen) steckenbleibt.

Betrachten wir etwas genauer den Prozess der unfruchtbaren, versagten psychischen Investition, die im Inneren des Anderen ihren Hauch abgibt.
Der kompakte Kern dessen, was in den Anderen im Rahmen dieses besonderen Falls von verfehltem, also nicht rückstrahlendem, keine Früchte pflückendem Narzissmus hineingetragen wird (das ist das psychische Material, das laut Konzept einer späteren Selbstdynamisierung fähig wäre), löst sich in unendlich viele Bällchen im hohlen Anderen auf, die allesamt als Zeugnisse der Verdinglichung für die Zerstörung stehen. Der Auflösungsprozess imitiert spiegelverkehrt und im positiv besetzten Sinne das, als was der Andere während des Akts des Vorsatzes – bereits in ein lebloses Objekt transformiert – erscheint: als ein innerlich eingefriedeter, hohler Raum, eine Schablone.

Der Prozess des Hineintragens in den Anderen als psychischer Vorgang ähnelt bis ins Detail dem Prozess der Dissemination von Krankheitserregern im Körper.

An dieser Stelle möchte ich folgende Zeilen zitieren:

"Der Prozess der Viruserkrankung ebenso wie der der Zeugung sind wirklich m.E. sehr außergewöhnliche zelluläre oder auch organische (im Sinne von Zellgemeinschaften) Komplexleistungen von Zellverbänden, wobei das Virus sich ja nur anderer Zellorganellen bedient, was ja eigentlich besonders clever ist.

Der Begriff 'Leistung' ist ja in unserer Kultur zwiespältig besetzt. Arbeit, Leistung, PS, Watt etc. 'größer, schneller, weiter', da steckt das narzisstische Moment drin, das Konkurrenzprinzip auch.

Darauf verzichtet die Zelle und besinnt sich auf etwas durchaus gemeinschaftliches, vielleicht im Sinne von: jeder erfüllt seine Funktion, sodass jeder etwas davon hat, ganz selbstverständliches Zusammenarbeiten für das Überleben des gesamten Organismus und von Biotopen.

Und das Virion zerstört sich wahrscheinlich auch, indem es seine RNA in die Wirtszelle abgibt, ordnet sich so gesehen auch unter, um die eigene Art zu erhalten."

(Hedwig de Boer, aus unserer Korrespondenz, Hervorhebung von mir)


Nun eine Vermutung zu den Entstehungsbedingungen und dem Entstehungsort von Sars-CoV-1 und Sars-CoV-2.

Gemäß den obigen Ausführungen trägt ein Narzissmus keine Früchte, weil er als Vorgang vorzeitig in die Brüche geht: Er versagt, weil er keinen fruchtbaren Boden vorfindet. Da, wo die übermäßig große Bevölkerungsdichte und der Kampf ums Überleben agonale Züge angenommen hat, schafft es der Einzelne nicht, aus dem bedrückenden gleichmäßig Ähnlichen der vielen Speziesgenossen hervorzulugen, Luft zu holen und läuft aufgrund dessen Gefahr, unterzugehen; da führt die dichte Population dazu, dass der unter Menschen übliche, unter Umständen notwendig entstehende (Anerkennungs-)Narzissmus (oft auch nur ein Narzissmus des Vorgangs des Lebens selbst) dem Einzelnen über den Kopf wächst und er dann in diesem Wettbewerb zu kurz kommt, also erkrankt.  

In China, dem Reich der Mitte, dem Reich von Allem und Eins, müsste jene katastrophale Not, die darin besteht, "unterm Dach" (man geht ja unter die Menschen) zu ersticken, notgedrungen sich eine Ventileinrichtung nach unten verschafft haben: Die Allfresserei von allem Lebendigen auf Erden[2] holte sich den sonst unerreichbaren Himmel (per aspera ad astra) auf Erden: das indifferente einzelne Lebewesen als dieser oder jener (nicht) erreichte Glücksstern.

Um spruchhaft eine außerabendländische Zivilisation erreichen zu können, möchte ich folgendes Zitat anbringen:

"Jedes Kleintier, das sich auf dem Boden bewegt, ist abscheulich und darf nicht gegessen werden. Alles, was sich auf dem Bauch oder auf vier und mehr Füßen fortbewegt, kurz alles Kleintier, das sich auf dem Boden bewegt, dürft ihr nicht essen, denn es ist abscheulich. Macht euch nicht selbst abscheulich mit all diesem Gewimmel an Kleintieren und macht euch durch sie nicht unrein, indem ihr euch durch sie verunreinigen lasst."[3]

So formuliert sich biblisch die kulturinitiale Tabuisierung des fundamentalen humanen – und keineswegs nur chinesischen – Begehrens. Das basale Begehren der Rationalität ist es: alle Dinge reinkorporieren zu können. Dessen pandemischer Ausdruck ist Covid-19, mit dem die Frage nach der Möglichkeit der Kultur und der Kulturen erneut aufgeworfen ist.

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[1] Jacques Lacan, Schriften I, Das Seminar von E. A. Poes "Der entwendete Brief", Quadriga Verlag, Weinheim, Berlin, 1966, S.9

[2] Siehe hierzu auch: Dionissios Vajas, Traumfluchterwachen. Ein Restauranttagtraum, in: Fluchten, Philosophisch-psychoanalytische Zeitdiagnosen, Psychoanalyse und Philosophie, Jahrbuch 2018, Düsseldorf: Peras Verlag, S. 95 f.

[3] Bibel, Levitikus, 11, 41-44.

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Axel Schünemann
How I Learned to Worry Again
Teil I: Im Hamsterrad von Covid-19

"Die äußerst bizarre, am wahrscheinlichsten nur bei höchstzivilisierten Völkern anzutreffende Attitüde des Hamsterkaufs von Toilettenpapier bezeugt, dass alles andere an auf dem freien Markt besorgbarem Charakter irgendwie bereits durch den Körper und zwar in dessen äußere Fläche, als dessen Garderobe, integriert ist. Einzig und allein dieses eine Konsumgut, das Toilettenpapier, scheint keine Aufnahme in die geschlossene Präsenz des Bürgers gefunden zu haben – wohl in weiser Voraussicht auf Kommendes, dass alle diese käuflichen, inkorporierten Lebenssurrogate diarrhöisch durch den in seinem Inneren zum Schlauch gewordenen Körper – dessen Aufmachung ist ja ganz der Non-Stop-Kultivierung gewidmet – unten durch herauskommen.

Eine Tragik (und eine Komödie zugleich) des Fortschritts unserer Kultur und Zivilisation, da sie es dazu gebracht haben, Krankheit als Anstand auszugeben und zu verstetigen."

(Dionissios Vajas, aus der Korrespondenz mit dem Verfasser.)

In den ersten Tagen der Kontaktsperre wurde in meinem Bekanntenkreis oft mitgeteilt, man nutze die Zeit zu häuslichen Putzaktionen. Eine in Stresssituationen der unproduktiven Sorte beliebte Umlenkung jener erweckten Energien, die aber nicht zur Erledigung der Stressoren genutzt werden können, also weder zum 'Weiterschlafen' noch zum 'Erwachen' taugen.

Natürlich wollte niemand Viren wegputzen, die noch gar nicht im Haus waren – zumindest nicht unter dem Sofa oder hinter der Waschmaschine. Und doch meine ich, solche Arbeiten seien genau so, als symbolisch-todestriebliche "Symptomhandlung" (Freud), zu verstehen ("wenn ich nichts tun kann, dann wische ich halt den Tod in den Ritzen der Wohnung weg"), und zwar ausgelöst von der räumlichen Aufspaltung der Gefühlswelt in den medial (und nicht von einer eigenen Infektion) ausgerufenen Alarmzustand draußen, vor allem im Discounter, und das Sicherheitsgefühl in der Wohnung, als Versuch, durch die symbolische Reinigung des Hauses Sorge und Gelassenheit miteinander zu verschränken und so an einer Fraglosigkeit mittels der symbolischen Putzaktion festzuhalten.

Auch ich erlag dieser Tendenz der autosymbolischen Besetzung, indem ich einige meiner bereits veröffentlichten Partituren Korrektur las, viele peinliche Fehler entdeckte, die ich bis dahin übersehen hatte – da sieht man, wie nützlich so eine alarmistische Grundierung des Alltags sein kann! – und mir mithin weitere Kontroll- und Korrekturaufgaben für einige Jahre verschaffte.

Die Fraglosigkeit der Ausbesserungsarbeit wollte unbewusst die an der Utopiefront meines zwischen den Welten ausbleibenden Reüssierens von der Einstellung jeglichen Konzertbetriebs durchaus negativ mitgetroffene Komponisten-Identität als fraglose Sache wiederherstellen.

Wie aber sieht es mit dem Hamsterkauf von Klopapier aus? Der Hinweis auf die psychoanalytische Theorie des "Analcharakters" (gewiss nicht nur das deutsche Thema) ist sicherlich ein Stück Therapie gegen die Verzweiflung im Supermarkt, der auf dem Schild vor den leeren Regalen versichert, man müsse nicht hamstern. Auch der Kunst und der Internet-Kultur kann manche witzige Aufklärung zu dieser Frage entnommen werden. Und doch bleibt die Rätselfrage des Hamsterns dieses Produkts wegen der Hartnäckigkeit des kollektiven Symptoms im Raum stehen.

Wie würde denn Pathognostik dieses Symptom verstehen? Würde Pathognostik überhaupt von einem Symptom sprechen? Ich denke doch. Wer ist Symptomträger? Die Discounter und Supermärkte? Oder doch nur die Hamsterer? In jedem Fall ist das 'Unbewusste der Hamsterräder', die das Beenden des Laufens in ihnen nicht befördern, ebenso zu denken wie das 'Unbewusste des Klopapiers'.

Das Unbewusste des Klopapiers muss ödipaler, narzisstischer und todestrieblicher Natur sein, weil ebendiese Themen (Geborensein; das Geschlecht, das nicht meines ist; der Tod) die fundamentalen Themen nicht nur der Menschen, sondern auch ihrer Körper sind, Themen, die als Produktionen der Dinge bearbeitet werden. Wie sich diesem Ding- und Produktions-Unbewussten, den ödipalen etc. Motivationen der Produktion im Fall des (gehamsterten) Klopapiers und der leeren Regale in den Geschäften anders nähern, als durch die gewiss nicht zufällig sich ergebenden Assoziationen?

Als erste Assoziation zum Klopapier – auf die keine zweite folgt – dachte ich, dass das von der Rolle abgerissene Blatt an den Geldschein erinnert, der in diesen Tagen an den Kassen entweder ungerne angenommen wird oder im Fall der vorherigen Frage, ob Barzahlung noch okay sei, ganz umgekehrt auf das Unverständnis der Kassiererin oder des Kassierers in Form der freundlichen Bejahung stößt: "Selbstverständlich können Sie bar bezahlen!" Man ahnt jedenfalls, dass die deutschen Widerstände gegen die Abschaffung des Papiergelds nach dieser Pandemie langsam vielleicht, aber sicher, dahinschmelzen werden. Und so möchte ich behaupten, dass die Hortung des Klopapiers ein "funktionales Phänomen" (Herbert Silberer) das heißt eine Selbstdarstellung dieser aus- oder anstehenden Abschaffung sei, nebst ihres Katalysators der Frage des bargeldlosen hygienischen Akts wider die umlaufende Todesinfektion. Wobei insbesondere die Ambivalenz der Abschaffung des materiellen Wert-Mediums (des Mediums mit zu viel 'Mutterkörper') zum Ausdruck kommt: Denn ebenso will das Papiergeld verworfen (= das benutzte Klopapier weggespült) sein, wie gehortet (es sind immer die neuen Medien des Werts, die mobil sein sollen, die alten hingegen dienen als Sicherheit: aber im aktuellen Fall wird eben das unterlaufen), weil ja die unterstellte massenhafte Verwerfung als Verknappung umgekehrt sich wertsteigernd auswirken wird. Wenn ich das einmal arg übertrieben (also hysterisch) formulieren darf: Papiergeld und Klopapier tauschen ihre Funktion. Dieses mutiert in das wertvolle Investitionsprodukt, mit jenem … nein, das kann ich doch noch nicht empfehlen. (Aber wer weiß.)

Der pathognostische, aus der Feder von Rudolf Heinz stammende Gnomos zu Geld als Exkrementalsymbol – sicherlich der Hintergrund meiner Assoziation – lautet:

"Geld, das ist demnach gefressene Scheiße auf medial dingliche vs. körperliche Weise."[1]

Diese Formel wird wohl dann verständlich, wenn man vor allem den zirkulären Umlauf des Geldes in Betracht zieht. (Das versteht sich: andere Funktionen des Geldes – andere Korrespondenzen.) Das Umlaufen des Geldes, die Reinvestition von Gewinnen, überhaupt der "Wirtschaftskreislauf" sind die strukturellen Korrespondenz-Momente zur Koprophagie, die sozusagen nur ein drastisches Paradigma für die Selbstreferenzialisierung der Ökonomie bietet (als die scheinbar infinite, vom Verbilligungswahn angetriebene Ausweitung des Zirkels sich selbst konsumierender und naturzerstörender Produktion, die dem Körper nicht möglich ist), wobei die medial angekratzte Tabuisierung der körperlich vollzogenen Koprophagie allemal das Verstörende dieser Korrespondierung ausmachen dürfte. Allemal ist allerdings philosophisch wie psychoanalytisch geboten, das dumme Verfluchen der körperlichen Seite und die ebenso unbedachte Heiligung der dinglichen aufzuklären.

Klopapier mit Geldaufdruck ist natürlich auch schon ein lange etabliertes Produkt, eine säkulare Variante des Cargo-Kults, der am Ende des Pazifikkriegs bereits das Modell der Abkoppelung der selbstreferenzialisierenden Wirtschaft von den Endverbrauchern lieferte. (Hier kann ich mich auch der beim ersten Lesen noch bestaunten Aufnahme des "Helikoptergeldes" im Text von Christoph Weismüller gedanklich nun doch vollständig anschließen. Manchmal braucht es den Umweg.)

In Bezug auf den Übergang vom Bargeld als Medium zum rein elektronischen Medium des "Kreditgelds" interessiert mich besagte Korrespondenz, insofern die dingliche Verschiebung der Koprophagie im Fall der schnellen globalen Mobilität des elektronischen Geldes mir besonders plausibel erscheint, womit das Bargeld aber als Versuch einer Verunbewusstung der Wahrheit dieser Korrespondenz erscheint. Und eben dieser Versuch wird vom neuen Virus unterlaufen, insofern dezidiert das Umlaufen der Geldscheine zurück in das Bewusstsein rückte, und zwar als Hygieneproblem der außerdem möglichen Schmierinfektion, die zumal auch noch mit dem Durchwandern der Viren des Verdauungstraktes medial in Zusammenhang gebracht wurde! (Allerdings zu einem Zeitpunkt, als das Klopapier bereits gehortet wurde.)

Alles Geld ist übrigens Kreditgeld. (Will gesagt werden, weil Marx das nicht eigens gesagt hat und Kreditgeld eher abgesondert traktiert.) Und das Hamstern des Klopapiers will vielleicht nur diesen gefährlichen, weil am Glauben an das Geld nagenden Satz dementieren. Sich den Hintern abzuwischen hat ja anscheinend (oder wirklich?) gar nichts mit Glauben und Gläubigern zu tun — aber doch viel mit dem Glauben oder Unglauben, ob der Mensch, der mir den Geldschein in die Hand drückt oder der die Waren im Markt verräumt, sich auch nach jedem Toilettengang ordentlich die Hände wäscht.

Die mit dem Hamstern verbundene Vorenthaltung des Klopapiers für die, die keines mehr bekommen, ist sicher nicht ganz ohne projektiv anal-sadistischen Lustgewinn der Hamsterer, die hamstern, weil sie es von anderen erwarten. (Also haben es diese anderen verdient!, so die Selbstexkulpation.) Der Schrecken des Anblicks der leeren Regale für die einen ist in diesem Sinn Befriedigung der anderen, deren Hamsterkauf nicht nur durch die leeren Regale bewahrheitet wird, vielmehr solche visuellen Selbstbefriedigungsgefühle auslösen dürfte, weil das Nichts repräsentiert und in die subjektive Verfügung genommen wurde als das Resultat des Hamsterkaufs: das klaffende Regal.

Wie sich diejenigen wohl fühlen, die das letzte oder vorletzte Paket in der Massen-Defloration des Regals (beziehungsweise der Wiederherstellung des jungfräulich leeren Regals) ergattert haben? Wohl gemischt aus dem Glück, noch zum Zuge gekommen zu sein und aus dem eher unangenehmen Gefühl, dass doch viele andere Menschen vorher zugegriffen haben (denn die Erkenntnis der hinteren Platzierung in einer Serie von Kunden ist eine dinglich fehlplatzierte und gänzlich unbewusst oktroyierte Homosexualitätserkenntnis, ohne jede heterosexuelle Identifikationsmöglichkeit mit dem Medium dieser nun einmal asexuell oktroyierten Erkenntnis).

Zumindest war es an jenem Samstag im März, an welchem in meinem Wohnort die Hamsterkäufe zum ersten Mal mit voller Wucht die Regale geleert hatten, erstaunlich, zu sehen, dass am späten Nachmittag im Discounter im leeren Regal mit Teigwaren genau ein einziges Nudelpaket liegen geblieben war, das niemand – auch ich nicht – zu kaufen wagte. Dieses Letzte war verflucht, weil es das Letzte war. Und niemand will der Letzte sein. Und gewiss nicht dachte die ganze Reihe der spät Einkaufenden empathisch an die noch später Einkaufenden.

Zu viel schon und zu oberflächlich schreibe ich zu diesen Dingen in meinem eigenen Hamsterrad und so sei dieser erste Teil beschlossen mit der Frage nach jenem schönen Bibelzitat aus dem letzten Text von Dionissios Vajas: "Jedes Kleintier, das sich auf dem Boden bewegt, ist abscheulich und darf nicht gegessen werden..." (s.o.).

Das Problem der Tabuisierung bestimmter Nutrimente ist sicherlich einsichtig zu machen: Das Verbot impliziert die Erlaubnis: "Aber alles andere dürft ihr getrost essen!" Diese (Selbst-)Erlaubnis unterläuft natürlich auch mir, wenn ich das Schreiben dieses Textes unterbreche, um über die Gemüsepfanne Kurkuma-Pulver zu streuen und ohne jede weitere Reflexion meine, das sei besonders gesund, weil ich es so irgendwo gelesen habe.

Warum ist das "Gewimmel an Kleintieren", wie es weiter heißt, "unrein"? Es lebt nahe der Erde, auch unterirdisch in ihr, und also im Kot und exponiert also als Nahrungsmittel eben die Objektivität des Lebens-Todes-Konsumtions-Produktions-Zyklus, also des menschlichen, ökonomischen Todestriebs. Bewahrheitet wird solche zugleich unaufgeklärte wie patho-gnostisch verschoben aufklärende Unreinheit dadurch, dass insbesondere der Fledermauskot beim Übergang auf den Menschen seine Rolle gespielt haben soll. (Wobei ich auf die internationalen Streitigkeiten und Verstimmungen, die zu sehr Wissenschaft und Rationalität exkulpierende subjektive Schuldträger suchen, nicht eingehen möchte.) — Noch ein philosophisch-psychoanalytisches Thema: das nachtaktive Tier, das zwar nicht auf dem Boden lebt, aber doch in Höhlen haust (Unterweltsmetapher!) und deshalb im Westen jedenfalls unheimlich ist.

Warum die Pflanzen aber, die erst recht die stoffliche Zirkularität als Selbstreferenzialität des Lebens insgesamt exponieren ("Düngung"), nicht als unrein gelten? Sie stehen (auch buchstäblich: als Festgewachsene) der Verdinglichung, das heißt der Besetzung des Todestriebs, näher.

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[1] Rudolf Heinz, Geld als Exkrementalsymbol, in: Psychoanalyse und Philosophie 3. 3. Jg. Heft 1/2001. Hg. von Psychoanalyse & Philosophie, Düsseldorf 2001, S. 9.

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Andrea Dennemann
Vom Bruch und den Berechnungen

In der Tat ist mir in den ersten Wochen der sogenannten Corona-Krise vieles nicht gelungen und ich bin ziemlich aus meiner Mitte geraten, konnte mich schlecht konzentrieren und alles ging nicht so richtig von der Hand. Zunächst fiel es mir schwer zu begreifen, was mit mir los war, was mich da so aus der Bahn geworfen hat. Angst vor einer Erkrankung, berufliche Überforderung (die Praxis war eher erschreckend leer) oder Existenzängste – alles das war es nicht. Ich glaube, es fehlten plötzlich vor allem die vertrauten Orientierungspunkte, die Verortung in den alltäglichen Abläufen. Es zeigte sich die Bedeutung einer Struktur hinsichtlich der Psychohygiene und es wurde mir klar: Eine extern verordnete Kontemplation funktioniert nicht und führt ganz im Gegenteil eher zur Un-Ruhe. Ebenso wog und wiegt immer noch die Monothematik der Zeit schwer.

Nach und nach wurden mir weitere Motive für mein Unbehagen klar und die innere Stabilität verbesserte sich wieder, gleichwohl eine latente Anspannung weiter vorhanden ist:

Ist dies der Bruch im Sinne einer längst fälligen Begrenzung des andauernden Strebens nach Wachstum, welcher der rasenden Expansion, deren Ziel es anscheinend ist, den der Natur innewohnenden Verfall/das Sterben/den Tod zu negieren, endlich Einhalt gebietet? Und wenn es so ist, begreift "Menschheit" das jetzt und stellen wir endlich etliches in Zukunft in Frage? Wie groß wird das Opfer werden? Irritierend war und ist die allzeitige Omnipräsenz der Statistik als manipulativer Taktgeber, die mit unverfrorener, narzisstischer Überzeugung suggeriert, dass sie im Stande wäre, alles – auch alle menschlichen Angelegenheiten – zu berechnen. Und demaskiert sich aktuell der in der Gesellschaftsform der Moderne zunehmend verankerte Konformismus? Tritt das passive – um Hannah Arendt zu zitieren – "Sich-Verhalten" nun endgültig an die Stelle des aktiven Handelns? Entsteht als Folge davon mehr Raum für Verschwörungstheorien und nimmt gleichzeitig die Fähigkeit ab, im überbordenden Konformismus im Sinne der Sache Covid-19 diejenigen zu tolerieren, die anderer Meinung sind und eine andere Handlungsweise für sich beanspruchen? Opfern wir am Ende Empathie und Fürsorge (Sterbebegleitung, Besuche in Altenheimen) bloßen Berechnungen?

Abschließend möchte ich noch Anmerkungen/Gedanken von Herrn Prof. Weismüller anfügen, die er nach dem Lesen des obigen Textes ergänzend und weiterführend verfasst hat:

Aber wird Covid-19 sich in solche Maßnahmen der Quantifizierung aufheben lassen? Wird Sars-CoV-2 mitsamt seinen weiteren Mutationen den Zahlen, Berechnungen, Statistiken weichen? Kaum! Doch mag es hinsichtlich kommender Entscheidungen und Handlung anempfohlen sein, die Opfer der Berechnungen mitzubedenken und das Berechnen dergestalt bedenklich werden zu lassen.