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Psychoanalyse und Philosophie e. V., Düsseldorf
Mitglied in der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf e. V.
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Zur Spaltung der Gesellschaft

Haben Sie auch Gedanken zur Spaltung der Gesellschaft? Schicken Sie uns diese zur Veröffentlichung in Textform an
mail@psychoanalyseundphilosophie.de

Dionissios Vajas, Die entgleiste Gesellschaft
Von der Fläche der Projektion zurück in die abgesperrte Tiefe des Ursprungs der Impfphobie oder
Das Postulat der organischen Unversehrtheit.

Andrea Dennemann, Von Spaltung und Einigkeit in der Gesellschaft
Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster

Christoph Weismüller, Die Hegel'sche "Aufhebung" und die Einigkeit der Gesellschaft in der Spaltung

Christoph Weismüller, Die gesellschaftliche Spaltung: immerdar und unabwendbar


Dionissios Vajas
Die entgleiste Gesellschaft

Von der Fläche der Projektion zurück in die abgesperrte Tiefe des Ursprungs der Impfphobie oder Das Postulat der organischen Unversehrtheit.

Bei der Entfaltung des Themas werde ich zuerst von den Phänomenen ausgehen und dann peu-á-peu regressiv dasjenige an den Tag bringen, was tief verborgen liegt, und, im Psychischen begraben, der Bewusstwerdung nicht zugänglich ist.

Der Aufsatz weist drei Etappen auf. In der ersten geht es um den progredienten Auf- und Ausbau einer fremdbestimmten, finsteren Welt als Weltmacht. In der zweiten Etappe wird wie zum Gegensatz eine andere Welt als Weltmacht auf- und ausgebaut, die sich in tödlichem, jedoch im Kräftevergleich zurückstehendem Kampf mit der ersteren Welt befindet. In der dritten Etappe gehe ich einen großen Schritt zurück – weg vom Epiphänomen des Politischen, der dunklen Machtintrigen und des verzweifelten Kampfes dagegen hin zu dem, was immer am Werk war: die autoritäre Persönlichkeitsstruktur des Impfgegners. Zum Schluss wird im Abgesang auf die Spaltung der Gesellschaft kurz auf das Ende der Therapie im Sinne ihrer Unmöglichkeit eingegangen.

A

Auf- und Ausbau einer das Subjekt bedrohenden Welt als Weltmacht

I) Die Gruppierung der vielen anderen und die Gesellschaftsinstitutionen als negativ besetzte, phobische Projektionen.

Es scheint so, als ob man von vornherein ausschießen muss, dass der Impfgegner die Gesellschaft als hochkomplizierte oder wenigstens in ihren Grundzügen als komplex anzuerkennende Organisation begreift. Vielmehr reduziert er sie als Gefüge von Menschen (Geimpfte und Genesene) und Institutionen auf eine handhabbare Vorstellung von losen, sporadisch aufkommenden Individuen, die trotz der Unkenntnis der Zusammengehörigkeit (Sie haben sich impfen lassen) mit unsichtbaren Bänden miteinander verbunden sind. Diese unstrukturierte Anhäufung von verstreuten Individuen steht für die einzig offizielle, parteiische Repräsentation der Bürger eines Landes. Hinter ihnen folgen als eine deren Annäherung sichernde Nachhut die Gesellschaftsinstitutionen als Staatskomplizen eben dieser Individuen.

Sie nähern sich dem Individuum an, um es zu vereinnahmen. Das tun sie agnostisch, das heißt ohne entsprechende Kenntnis ihres Ziels. Was sich frontal nähert, ist eine starre Konstellation von Individuen und unsichtbaren institutionellen Sachverhalten: eine maschinenähnliche Approximation.

(Hier könnte man abkürzen und den Angstinhalt des Impfgegners in den Mittelpunkt der Reflexion stellen. Doch dann hätte man sich um die weiteren Auskristallisierungen seiner in der Pandemie durchgemachten Entwicklung gebracht, durch die seine Angst und das abgesperrte Unbewusste ihre endgültige Form angenommen haben.)

II) Dämonisierung von Gesellschaftsinstitutionen

Der Impfphobiker konzentriert sich auf die Institutionen, versucht die Geimpften und die Impfwilligen außen vor zu lassen. Er wendet sich den Institutionen, den verschiedenen partikulären Machtzentren zu, um die Gefahr von sich abzulenken, dass er durch die sich annähernden, in ihrer Bewegung unvorhersehbaren incognito Duplikate seines Menschseins, die vielen anderen als Geimpfte und Impfwillige, inkorporiert wird.

Um das Feld von den ansteckenden, verseuchten anderen zu räumen, die sein Selbst entstellend einzuverleiben trachten, muss das Subjekt diese anderen entkräften. Dies erreicht es dadurch, dass es die Institutionen als Agenten des wirtschaftlich und politisch Hinterhältigen begreift. Diese seien es, die sich die vielen anderen durch Extraktion des Willens gefügig gemacht bzw. einer Gehirnwäsche unterzogen hätten. Deshalb fungierten letztere als Opfer oder Marionetten bzw. aggressive Exekutoren eines fremden Willens.

(An der Stelle merkt man, dass der Impfphobiker sein logisches Kombinierungsvermögen zur Beseitigung von Ängsten missbraucht. Das ist Wasser in die Mühle der Paranoia.)

Seiner Ansicht nach hätten die Mächtigen dieser Welt sich alles miteinander abgesprochen. Verschwörungstheorien, mit krassen Widersprüchen übersät, entstehen immer wieder neu. Deren gemeinsamer Nenner besteht für den Außenstehenden in einer wahrlich obskuren, metaphysisch anmutenden Weltanschauungsambition. Gemäß einer Entschlüsselung dieser Einstellung, die aber dem Impfphobiker mitnichten zugänglich ist, handeln die Destruktiven dieser Welt instinktiv. Sie weisen nicht die geringste Spur von Reflexion darüber auf, welche Konsequenzen etwa ihr globales Handelns mit sich ziehen würde. Deren Machenschaften reichen in die Dinge der Politik und der Wirtschaft hinein, während sie aber als Spitze der Welt zugleich die Welt transzendieren; sie ragen über diese empor, was so viel heißt, dass sie von einem Weltuntergang nicht getroffen werden können. Das scheint der wichtigste, radikalmetaphysische Widerspruch im Denken des Impfphobikers, dessen er sich nicht bewusst werden kann.

B

Weitere Offenlegung der autoritären Persönlichkeit des Impfgegners. Auf- und Ausbau einer Gegenwelt

Es entsteht eine äußerst bedrückende Lage für ihn, das Subjekt. In seiner Verzweiflung merkt es richtig, dass es keinen Ausgang aus dieser Welt gibt. Zuerst sympathisiert es mit all denjenigen, die ebenfalls gegen das Impfen sind. Sie flößen ihm jedoch keine Hoffnung ein, weil sie nicht an der Macht sind und von den Vasallen der finsteren Weltmacht genauso niedergehalten werden wie es selbst.

Ein Hoffnungsschimmer dringt ein, wenn beispielsweise ein bekannter Politiker oder eine berühmte Persönlichkeit (Ex-US-Präsident Trump, Brasiliens Ministerpräsident Bolsonaro etc.) sich gegen das Impfen ausspricht. Es ist der Moment, in dem das Subjekt sich über die traditionelle Einteilung in politische Lager hinwegsetzt und beginnt jener bedrohlichen Weltmacht seine eigene, ebenfalls dunkle und genauso wirre Weltmacht entgegenzusetzen. Kurz und bündig: Das Subjekt legt sich mit den mächtigen Gespenstern seines Vorstellungsvermögens an. Ein tagtäglicher, zermürbender, aussichtsloser Kampf gegen alles beginnt.

C

Versuch eines Umrisses der autoritären Persönlichkeit des Impfgegners

In drei Schritten führe ich aus, was die Impfspritze für den Impfgegner bedeutet. Dabei wird seine Persönlichkeitsstruktur offenbart, die sich im Stressrahmen der permanenten Bedrohung als auskristallisierte psychische Ausrichtung aufdecken lässt, in die keinerlei Selbstreflexion eindringt.

Als das Corona-Virus vor 2 Jahren Einzug in unseren Alltag hielt, war man verzweifelt und dann auch empört darüber, dass man laut offiziellen Angaben fast zwei Jahre brauchen würde, um einen Impfstoff dagegen zu entwickeln.

Die lange Wartezeit führte paradoxerweise dazu, dass das Virus seine todbringende Schuld nicht lange behaupten konnte. Eine entstellende Verschiebung schlich sich allmählich ein, die ich so wiedergebe:

"Dass es so lange dauert, kann es nur heißen, dass das gesamte weltweite medizinische Waffenlager und die dazugehörigen Labore samt wissenschaftlichem Personal nur zu langsam darauf reagieren. Diese Langsamkeit wiederum bedeutet, sofern sie dem tödlichen Werk des Virus zuarbeitet und im Brückenbau hinterher hinkt, dass zwischen der angeblichen Avantgarde der Wissenschaft und dem Virus eine tiefe Gemeinsamkeit besteht."

Das Subjekt verlangte also, dass der Impfstoff sofort, hier und jetzt, lieferbar ist. Es verträgt – und das ist eine erste Bilanz – keine Abbrüche in seinem Alltagsablauf.

Als dann der Impfstoff auf dem Markt war, kippte das Ganze unverhofft um, und die Phobie kam unkontrolliert zum Ausbruch. Ich nehme die unvorhersehbare, überraschende Entwicklung kurz unter die Lupe.

Die unvorstellbar minuziöse, detaillierteste (Kriegs-)Wissenschaftsarbeit in den Laboren an der Entschlüsselung der Virus-Struktur und der Funktionsweise des Virus hat die Forscher dem Objekt ihrer Forschung angeglichen. Die Seiten der Forschungskonstellation zwischen Erkennendem und Erkanntem wurden aufgrund der fast deckungsgleichen Annäherung miteinander austauschbar. Die sich allmählich formierende Erkenntnis stellt diesseits, das ist die Seite des forschenden Subjekts, den Spiegel des Dings, des Virus her. Die Losung lautet: "Wir, die Wissenschaftler, sind diese Erkenntnis, die Erkenntnis des Virus, das Virus selbst".

Während das Christentum das Kreuz als Tötungswaffe heiligt, indem es die Substanz des Retters darein einfließen ließ, verfährt der Impfgegner umgekehrt und doch irgendwie auf dieselbe Art und Weise: auch er begreift die Impfspritze als Tötungswaffe, sieht aber in den Inhalt der Spritze den Tod, der in seinen Körper importiert wird.

Die hysterische Überreaktion des Subjekts, die sich vor dem Hintergrund des Postulats der organischen Unversehrtheit (Impfgegner sind in dieser Hinsicht Engelfiguren) abspielt, deutet auf einen besonderen, nunmehr kathartisch erscheinenden Status-ante, einen Zustand vor der Invasion der Corona-Krise, hin, in dem es die Dinge seines Alltags durch einen fast lückenlosen Verweis in Reih und Glied stellte und dadurch beherrschte.

Damit sind die Rationalisierungsrituale ihres Gebrauchs gemeint, durch die die Dinge eisern in Schach gehalten werden. Auch hatte der Bedürfnisse abdeckende Gebrauch der Dinge vermittels lückenloser Gebrauchsrituale in der wiederkehrenden Zeit das Erwürgen der widerstrebenden Dinge zum Ziel: Entmaterialisierung der Dinge in ihrer Verzeitlichung. Dadurch erreicht man eine quasi Naturalisierung der kapitalistischen Lebensweise, sodass die Dinge – so glaubt man – mundtot gemacht werden können. Was aus diesem Feldzug gegen die Dinge übrigbleibt, ist der dem konsumatorischen Genuss vorauseilende Glanz, das Design. Der Kreis von abstrakter, weil abgekoppelter Produktion und konkreter (sprich fetischistisch konkretistischer) Konsumation, die (distributiv abgesichert) zu jeder Zeit und an jedem Ort die Bedürfnisse befriedigte, schien nicht unterbrochen werden zu können.

Fazit: Das Virus war nur der Anlass, der die kulturelle Bemäntelung aufhob. Dieser Anlass verhalf den in ihrem wahren Grund unbezwingbaren Dingen an dieser einen Stelle zum Durchbruch.


Abgesang auf die Spaltung der Gesellschaft und die Unmöglichkeit der Therapie

Sollte die Abwehrfront des Impfgegners anfangen, rissig zu werden, weil etwa die stete Umwandlung der Angst in eskalierende Aggressivität nicht gelingt, dann ist an der Stelle des Kriegsgeschreis die pure Existenzgefahr zu vernehmen: Tatsächlich geht es ihm dann um sein Leben. Hört man dann genauer hin, so stellt man fest, dass Trieb- und Realangst verschmelzen. Angesichts der herzzerreißenden Existenznot ist es vonnöten, diesen einen bzw. diese eine aus Fleisch und Blut vor der Selbstdekonstruktion zu erretten, als weiterhin einer in jenem Moment nicht anders zu erlebenden Gesellschaft denn als einer Gesellschaftsabstraktion das Wort zu reden. Man dient dem/der Unglücklichen am besten dadurch, dass man auf der Stelle aufhört, die in der Pandemie sonst zu gutem Recht reklamierte Verteidigungsnot der Gesellschaft zu beschwören. Denn was in jener Existenznot als Existenzschrei aufmerksam auf sich macht, ist das schrille Ertönen des durch einen Engpass in die Außenweltwahrnehmung entkommenden Unbewussten als eines weiterhin verschlossenen. Damit ist das non plus ultra aller Therapiemöglichkeit erreicht, die dem Therapeuten das verschlossene Unbewusste als Psychotik vor die Füße legt und zugleich den phantsmatischen Charakter von Gesellschaft überhaupt offenbart.

Der Impfgegner ist der Ort, an dem die Gesellschaftstrümmer agonal darum bemüht sind, 'erstmals' zur Ruhe zu kommen, ohne jedoch den absoluten Null als den sonst erforderlichen neuen Anfang erreichen zu dürfen (der thermische Tod der Gesellschaft).

(Vorgetragen am 27. Januar 2022 im Jour fixe des Vereins Psychoanalyse und Philosophie e. V.)

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Andrea Dennemann
Von Spaltung und Einigkeit in der Gesellschaft

Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster

In der Zeit der aktuellen Covid-19-Pandemie scheint mehr und mehr Raum für Verschwörungstheorien zu entstehen und gleichzeitig die Fähigkeit abzunehmen, im überbordenden Konformismus im Sinne der Sache Covid-19 diejenigen zu tolerieren, die anderer Meinung sind und eine andere Handlungsweise für sich beanspruchen.

Meiner Beobachtung nach bieten sich derzeit vor allem zwei gesellschaftliche Strömungen beziehungsweise Verhaltensmuster dar, die auf den ersten Blick diametral zueinander stehen. Zum einen gibt es ein zunehmendes Aufbegehren gegen die aus der Covid-19-Pandemie resultierenden Einschränkungen von vermeintlichen Freiheiten – zwar aus unterschiedlicher Motivation, aber doch vor allem verschwörungstheoretisch beeinflusst –, zum anderen prägen weiter – sicherlich die größere Anzahl – die konformistisch Sichverhaltenden mit einem zwar überschaubaren, aber doch bemerkenswerten Hang zum Denunziantentum und (noch) gehemmter Aggression das Bild.

Unterscheiden sich diese wirklich grundlegend voneinander? Ich denke nicht. Sie wirken entgegengesetzt und operieren doch gleich. Die gemeinsame Wurzel ist die unveränderte Omnipräsenz der in Tabellen und Berechnungen dargelegten und somit permanent angemahnten und in Erinnerung gehaltenen Anwesenheit von Verfall, Krankheit und Tod. Dem gilt es wie stets zu entkommen. Aber die Vermittlung über Kultur (bis vor kurzem nur digital und aktuell immer noch sehr reduziert und Corona-modifiziert verfügbar), Konsum (desgleichen) und Kirche (anscheinend in dieser Zeit verschwunden, da keinerlei fühlbare Präsenz) ist nahezu ausgehebelt. Es geht also darum, Wege zu finden, die eigene Sterblichkeit zu überwinden und zu verdrängen, ihr die Anerkennung jetzt und hier erst einmal zu verweigern. Also folgen die einen fast auf eine metaphysische Weise der Idee einer außerhalb der von Mensch postulierten Covid-19-Realität liegenden Begründung (Bill Gates-Mikrochip-Theorie, außerirdischer Einfluss, Gottes Fluch und Segen, Gehirnwäsche als Werkzeug geplanter politischer Machtergreifung et cetera) und die anderen nahezu gänzlich passiv, sich verhaltend den Heilsversprechen des aufgestellten Regelwerkes (Maskenpflicht, Hygienemaßnahmen, social distance et cetera).

So postuliere ich: Motiv und Ziel sind gleich, lediglich bedienen sich beide einer unterschiedlichen Variante auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster.

Nicht, dass ich missverstanden werde: Ich finde entsprechend der jeweiligen Situation sowohl Gegenwehr als auch konformes Verhalten durchaus sinnvoll und notwendig, aber diesem muss ein innerer Diskurs, eine Auseinandersetzung, ein Durchlaufen von Distanz und Anerkennung vorausgehen, um dann in Form eines aktiven Handelns durchgeführt zu werden. Ist das geschehen? Ich bezweifele es.


Historisch gesehen ist dies nicht die erste Pandemie. Auch begrenzte Lockdowns hat es schon gegeben, Verschwörungstheorien waren stets ein treuer Begleiter. Die Todesraten in der Vergangenheit lagen teilweise deutlich höher (zum Beispiel fünfzigtausend Tote [gemäß Übersterblichkeitsstatistik] während der Hongkong-Grippe in Ost- und Westdeutschland 1968). Und doch scheinen wir aktuell um ein Vielfaches stärker erschüttert zu sein. Ist das – abgesehen von der Allgegenwärtigkeit der Medien – eine Folge davon, dass wir uns mehr denn je als eine immune Gesellschaft verstehen, die in der Lage ist, alles zu überwinden? Sind wir daher überhaupt bereit für eine reale, qualitative Bewertung der jetzigen Situation? Oder verharren wir in einem abstrakten, quantitativen Moment?

In der Zeit der Pandemien 1957 (Asiatische Grippe) und 1968 (Hongkong-Grippe) nahmen die Menschen diese kaum wahr, ein kulturelles Gedächtnis für die Ereignisse wurde erst gar nicht gebildet. Vielmehr war man mit der Angst vor einem drohenden Atomkrieg und den Folgen des Kalten Krieges befasst. Wovor haben wir eigentlich Angst?

(Zuerst erschienen online im Juni 2020, danach in: Philosophie und Psychoanalyse. Psychoanalyse und Philosophie. Jahrbuch 2021, hrsg. von Christoph Weismüller, Düsseldorf: Peras Verlag 2021, 360 - 361.)

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Christoph Weismüller
Die Hegel'sche "Aufhebung" und die Einigkeit der Gesellschaft in der Spaltung


Ist die Hegel'sche "Aufhebung" zusammenzudenken mit den Parteien einerseits des Widerstands gegen die Corona-Verordnungen und andererseits der Fürsprecher solcher Verordnungen? Solche Aufgaben- und Fragestellung schätze ich sehr, weil sie mich nötigt, nochmals innezuhalten und die Tradition in ihrem Verhältnis zur modernsten Moderne, die Menschheit, deren Phantasmen und Begehren und irgend darinnen auch mich im Verhältnis zu den Menschen und Dingen denkend zu verorten.

Vor allem passt das zum heutigen Pfingsttag, diesmal im Jahr 2021 - aber auch zu den kommenden -, an dem ich diese Zeilen notiere, besonders auch zum Pfingstmontag, der als erster Tag aus der Osterzeit tritt, also fünfzig Tage nach dem Ostersonntag stattfindet und sich damit auch als der erste der - ihrem Anspruch nach alles Mundane "aufhebenden" - christlichen Kirche auszeichnet. Insbesondere da Pfingsten in christlicher Tradition als der Tag der Gründung der Kirche verstanden wird – in Referenz auf das Zusammenkommen der Apostel und Jünger im gemeinsamen Verständnis, vermittelt durch den heiligen Geist –, in der die Einmaligkeit des Ereignisses der Ausgießung des heiligen Geistes als dauerndes Phänomen bewahrt bleiben kann, und insoweit damit das jüdische Fest Schawuot, die Feier der Offenbarung der Tora, okkupiert, also in die christliche Kirche wie "aufgehoben" wird, haben wir es zu Pfingsten geradezu mit einem komplexen Aufhebungs-Ereignis zu tun.

Auf die aktuelle Situation bezogen, gilt es nun zu fragen, welche Gestalt die "christliche Kirche" – dieser Ort zur absoluten Aufhebung – angenommen hat gemäß der Entwicklung der Produktivkräfte. Welches ist der Ort, an dem Apostel und Jünger im gemeinsamen Verständnis, vermittelt durch die Ausgießungen des heiligen Geistes, in der aktuellen Epoche zusammenkommen? Meine naheliegende Antwort darauf lautet: Wie weiland, so wird auch heute die Aufhebung wie heilend gesucht im virtuellen – phantasmatisch den Tod überwindenden – Raum vermittels dessen kirchenhafter Materialisierung, die im Auftrag ihrer Entmaterialisierung um des Eingangs ins wahre Leben steht. Diese Materialisierungen haben heute nicht mehr nur Namen wie katholische oder evangelische Kirche – oder etwas anders auch Islam, Judentum, Buddhismus –, sondern sie präsentieren sich stolz unter den Titeln Internet, Smartphone, Apple, Google, Alibaba, YouTube, Facebook und so weiter.

Wie nun sind diese Gedanken in Bezug zu bringen zu den von Andrea Dennemann in ihrem Text Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster thematisierten Parteien einerseits des Widerstands gegen die Corona-Verordnungen und andererseits der Fürsprecher solcher Verordnungen?

Dass diese Parteien überhaupt so entstehen konnten und weiter sich bilden können, spiegelt zuallererst das Problem der Blockiertheit der Vermittlung von Differenzen und in diesem Sinne eine schwache Vaterposition im gesellschaftlichen Kontext wieder. Aufgrund solcher Schwäche kann der Zugang zum Ort des Begehrens nicht gemäß einem durch eine anerkannte Gruppe von Menschen (Priester, Väter) vermittelten Narrativ erfolgen, sondern es erweist sich die Möglichkeit solchen Zugangs – zum Ort des Begehrens, dessen Referenz durchweg der maternale Körper ausmacht – als hochgradig unsicher. "Unsicher" heißt in solchem Zusammenhang, dass die Schuld- und Gewaltverhältnisse solchen Zugangs nicht verbindlich abgedeckt, sondern an einigen Stellen offengelegt und erfahrbar gemacht sind als letztlich todesbedrohliche und somit die Sterblichkeit des filialen Körpers reklamierende Situationen. So werden todesfluchttriebliche Abwehrreaktionen provoziert, und zwar – grob differenziert – in den Komplementärversionen der Corona-Vorschriften-Gegner*innen und der Corona-Vorschriften-Befürworter*innen.

Was charakterisiert jene, was diese?

Erstere zeichnet aus der Kampf gegen die Zurechtweisung, gegen eine paternale Position und deren bestimmendes Wort, und zwar im Namen einer anderen, verschwiegenen, einer reklamierten wahren, aber unterdrückten Position. Wider die paternale Interventionsposition reklamieren die Vertreter*innen dieser Gruppe offensichtlich einen direkten, ungehinderten, unbeschnittenen Zugang zum Ort einer ursprünglich maternalen Wahrheit, die womöglich schon zum Opfer für den Glauben an die bestehende Unwahrheit phallischer Selbstbehauptung gebracht wurde. Sie gehen aber davon aus, dass sie dieses schon erbrachte Opfer der maternalen Wahrheit durch spezielle, quasi magische Handlungen und Rituale wieder erwecken und in ihr Recht einsetzen können, das vornehmlich darin bestünde, die Erweckungspriester*innen ins schützende Haus der Mutter zurückzunehmen und so ins wahre Glück der unsanktionierten Einheit zu führen. Kurz: Es imponiert der Ausdruck inzestuösen Begehrens und damit zugleich des immensen Irrtums, dass der inzestuöse Kurzschluss ein Heilsweg sein könnte – gleichwohl folgen alle Heilsversprechen solchem Schema. Als ganz besonders problematisch aber erweist sich das Fehlurteil, es könne ein Opfer der Wahrheit respektive das Mutterkörperopfer als Wahrheit oder als Mutter(körper) restituiert werden. Denn kein Restitutionsunternehmen kann das rückgängig machen, was vorgefallen ist. Das heißt: Restituiert werden kann, wenn überhaupt etwas, nur das Opfern, die Gewalttat. Daraus erklärt sich zumal die nicht nur subakute Gewaltförmigkeit dieser wider die – paternal-signifikante – Gewalt aufbegehrenden Gruppe.

Auf einen ersten Blick hin friedlicher scheinen die Befürworter*innen der Corona-Vorschriften zu sein. Doch könnte das daran liegen, dass diese die Gewalten weiterhin abgetreten sein lassen an die paternale, patriarchale, phallische Position und nicht versucht sind, diese als Sicherheit gebende verstandene Macht im Namen einer verdrängten maternalen Position zu bestreiten. Im Gegenteil ist diese Gruppe eher dadurch charakterisiert, auf der Grundlage der Befürchtung eines maternalen Übergriffs, der alle Subjektivität und Individualität zu tilgen droht, diese paternale als die vermittelnde und Differenz und somit vermeintlich Subjektivität und Individualität wahrende Position zu stärken. Bei dieser handelt es sich mithin um die Kastration und Tabu sichernde Position.

Beides also sind Komplementärfiguren, die in ihren filialen Positionen eine basale, konkretistische, kollektiv organisierte Darstellung der Aspekte des ödipalen Unbewussten der elektronischen und vor allem der Bild gebenden Kommunikationsmedien leisten. In diesen elektronischen Zugängen zu den materiell basierten virtuellen Räumen sind die realen 'Beziehungen' verrechnet und entsprechend quantifiziert "aufgehoben". Aus diesen medialen Räumen werden die real möglichen qualitativen 'Beziehungen' der technischen Entwicklung der Zeit angemessen, durch diese vermittelt und bestimmt, wieder abgeleitet. Zu tun haben wir es also mit der kollektiven Inszenierung des Unbewussten der aktuell reüssierenden technischen Medien, dieser Kirchen der aktuellen Zeit, des Ödipuskomplexes mithin; leidenschaftlicher Einsatz für den Inzest einerseits und fürs Tabu andererseits. Auch auf der großpolitischen Bühne sind entsprechende Verhältnisse aktuell ebenfalls wiederzufinden. Da fallen Anfang des Jahres 2022 insbesondere wohl die militärischen und politischen Aktionen des Ukraine-Konflikts ins Auge und Denken.

(Aktualisierte Fassung 2022. Die Erstfassung erschien online im Juni 2020, danach in: Philosophie und Psychoanalyse. Psychoanalyse und Philosophie. Jahrbuch 2021, hrsg. von Christoph Weismüller, Düsseldorf: Peras Verlag 2021, 362 - 365.)

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Christoph Weismüller
Die gesellschaftliche Spaltung: immerdar und unabwendbar


Das Thema der gesellschaftlichen Spaltung ist allemal hoch aktuell und zugleich immerdar und unabwendbar, denn es handelt sich um die Reklamation der verwischten, geopferten Differenz, die Insistenz auf das Sein des nicht absorbierten Individuums, das paradoxerweise diese Reklamation alleine als Affirmation der Gewalt der absorbierenden Instanz vorbringen kann.

Will man den Impfgegnern eine wohlmeinende Position zugestehen, so mag man sagen, es ist ein Versuch der Rettung vor dem Schwinden in der Indifferenz, dem Rückruf ins Opfer des Mutterkörpers. Die europäische Kulturgeschichte und wohl auch die anderen Kulturgeschichten kennen viele Fälle des Ausagierens solcher Nichtungsnot durch Spaltungsprozesse. Besonders hervorzuheben ist diesbezüglich zum Beispiel der Einsatz der Reformation, handelt es sich bei dieser doch um die – paradoxe – Rettung des – katholischen – Christentums. Nicht minder in diesen Komplex des Ausagierens solcher Nichtungsnot durch Spaltungsprozesse zählen vorhergehende Ereignisse wie auch die Europäisierung Amerikas und später Amerikas Aufstieg zur führenden Weltmacht, im weiteren die Globalisierung und die folgenden Nationalisierungen: Rettungen vorm zu schnellen Aufgang in der Vollkommenheit unendlicher Widerspruchsberuhigung.

Mit diesen Großereignissen der objektiven Welt identifiziert, reklamieren die Impfgegner die Disposition des Körpers als vereignete Präsenz, Selbstsein von schaffendem Mutterkörper und verfügter Macht über den Tod; gewissermaßen verwechseln sie sich mit der reinen Impfdosis, 'Moderna an sich'... und müssen sich demgemäß wider die von außen verfügte Reklamation ihrer verbliebenen Sterblichkeit durch das Angebot zur regulären Impfung positionieren, um eben das Phantasma zu vervollkommnen, das im Vakzin erst noch ein Versprechen ist...

Aber wie sag' ich das alles den Mädchen und Knaben, die den toten Mutterkörper als lebendige Existenz wider die Opferschuld souverän verfügen wollen?

(Aus einem Brief an Dionissios Vajas vom 10.10.2020)

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