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Psychoanalyse und Philosophie e. V., Düsseldorf
Mitglied in der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf e. V.
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Zur Spaltung der Gesellschaft und zum Krieg

Haben Sie auch Gedanken zur Spaltung der Gesellschaft und/oder zum Krieg? Schicken Sie uns diese zur Veröffentlichung in Textform an
mail@psychoanalyseundphilosophie.de

Einleitung:

Christoph Weismüller, Die Pandemie und der Krieg
Zu Spaltungen und Wiedervereinigungsversuchen von Selbst, Gesellschaft und Welt
Oder: Der lange Tisch im Kreml

Zur Spaltung der Gesellschaft:

Dionissios Vajas, Die entgleiste Gesellschaft
Von der Fläche der Projektion zurück in die abgesperrte Tiefe des Ursprungs der Impfphobie oder
Das Postulat der organischen Unversehrtheit.

Andrea Dennemann, Von Spaltung und Einigkeit in der Gesellschaft
Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster

Christoph Weismüller, Die Hegel'sche "Aufhebung" und die Einigkeit der Gesellschaft in der Spaltung

Christoph Weismüller, Die gesellschaftliche Spaltung: immerdar und unabwendbar

Zum Krieg:

Axel Schünemann, "Wozu brauchen wir eine Welt, in der es kein Russland gibt?"
Gedanken zum Krieg

Dionissios Vajas, Der Blick, die Erdkugel und das Desaster
Gedanken ausgehend von: Axel Schünemann, "Wozu brauchen wir eine Welt, in der es kein Russland gibt?"


Christoph Weismüller
Die Pandemie und der Krieg
Zu Spaltungen und Wiedervereinigungsversuchen
von Selbst, Gesellschaft und Welt
Oder: Der lange Tisch im Kreml


Ihren Text zur Covid-19-Pandemie mit dem Titel Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster schließt Andrea Dennemann mit den Worten "In der Zeit der Pandemien 1957 (Asiatische Grippe) und 1968 (Hongkong-Grippe) nahmen die Menschen diese kaum wahr, ein kulturelles Gedächtnis für die Ereignisse wurde erst gar nicht gebildet. Vielmehr war man mit der Angst vor einem drohenden Atomkrieg und den Folgen des Kalten Krieges befasst. Wovor haben wir eigentlich Angst?"
[1]

"Wovor haben wir eigentlich Angst?" Das ist eine Frage, die ihr besonderes Gewicht gerade in diesem aufgezeigten Zusammenhang findet und die ich wie folgt aufnehmen und auf eine mögliche Antwort hin weiterführen möchte: Bei den Pandemien sind insbesondere die Viren und Virionen diejenigen, die Leid und Tod bringen und zu ihren besonderen Kennzeichen gehören einerseits der Entzug und andererseits ein Übermaß an Fühlbarkeit, einerseits ein Zuwenig und andererseits ein Zuviel; Viren und Virionen entgehen einerseits notorisch dem sinnlichen Erfassen, sie sind für das bloße Auge unsichtbar, für das Ohr unhörbar, für die Zunge unschmeckbar, für Haut und Finger nicht fühlbar, für die menschliche Nase nicht riechbar und es lassen nur die ausgebildeten Symptome auf eine schon geschehene Infektion und eingeleitete Abwehrreaktionen des Körpers zurückschließen. So stellt sich die Frage: Sind womöglich die Pandemien, die wie aus einem Nichts auftauchen und das Nichts zu verbreiten anstehen, Provokateure von Kriegsangst und womöglich von Krieg?

Provozieren Pandemien also Krieg, und zwar vor allem, auf dem phallisch-menschlich rationalen Hintergrund, der Krankheit ihr Pendant auf der Ebene der Dinge entgegensetzen zu wollen, um damit eine Verfügung des Unverfügbaren zu erreichen, eine durch die Dinge gesicherte und vermittelte sinnliche und rationale - und dennoch nur phantasmatische - Verfügbarkeit auf einer objektiven Ebene? Ist Krieg also die kulturell inszenierte, objektive und somit auf Abstand gebrachte Verwirklichung der subjektiven Krankheit, erwachsen aus dem Begehren, des unverfügbaren Grundes der Krankheit verfügend Herr zu werden?

Das Bild, von dem her und mit dem diese Fragen sich stellen, mit dem aber zugleich auch schon auf die Antwort auf solche Fragen hingewiesen ist, das ist das der im Kreml medienwirksam inszenierten diplomatischen Gespräche westlicher Politiker mit dem Präsidenten Russlands Wladimir Putin zur Verhinderung respektive Beilegung der militärischen Aggression wider die Ukraine an einem überlangen Tisch, der als Distanzsicherung vor der Infektion durch den a/Anderen schützen soll: Es zeigen sich, mit dem Möbel gestaltet, die Vermittlung und die Überleitung von der Corona-Pandemie zum Krieg.

Detailliert nachgetragen werden muss anderenorts, hier aber ist es bereits an- und mitzudenken, dass und inwieweit im Einzelnen das Ding, hier der Tisch, selbst bereits wesentlich, dauerhaft und unaussetzbar solche Vermittlung und Überleitung von Bedrohung zu Schutz zu Aggression ist. Der Tisch, diese Abhebung vom Erdkörper, dieser auf phallischen Säulen getragene Glanzflächenkörper, diese technisch realisierte zweite Natur der Erdoberfläche, dieser Inbegriff eines Fetischobjekts, auf dem die Speisen, Spiele und Lüste wie auf dem Mutterkörper auf- und ausgetragen werden, dieser Tisch zeichnet sich dadurch aus, ganz buchstäblich und konkret - und doch nur phantasmatisch - abgehoben zu sein vom Schuld reklamierenden Sog des potenziell toxischen, erdmütterlichen Körpers. Der Tisch gilt seinen Produzenten und Nutzern in der gesicherten Vertikalen, der bestimmten Höhe, als Schutz vorm Rücksog ins Nichts des Vorstellens, das im bloßen Körper ereilen würde, und trägt in der horizontalen Weite distribuierend diese Herrschaftsabsicherung - das ist die Projektion der Sterblichkeit vermittels der Dinge auf andere Körper - dauerhaft aus. Dementsprechend ist der Tisch zu entdecken als das Ding der fixierten und isolierten Projektionsbewegung, inbegrifflich also als Todestriebrepräsentation, die im Gebrauch allemal auf die Körper als tötende Gewalt rückzuschlagen droht: Glanzvoll fetischisierter Maternalkörper, der um seiner Bestätigung und Beglaubigung willen den Körper nichtenden Fetischisierungsakt in Form der martialisch kriegerischen Aufhebung alles Widerständigen dauerhaft fordert.


Quelle: www.kremlin.ru

Sind im Rahmen einer solcherart geprägten Ordnung der Dinge die Krankheiten, nicht nur Covid-19, sondern insbesondere wohl die in den Bereich des Vorstellens übergreifenden Psychopathologien, insofern sie in einer Welt imponieren, in denen Kriege drohen und toben, womöglich die Versuche, solche Veräußerung und Spaltung des Selbst - da die göttlichen Dinge, hier der sterbliche Körper - wieder zurückzunehmen? Sind die Krankheiten Einheit suchende Unternehmen einer Rückbindung und Rückführung der objektiven Gewalt und Kriegsverhältnisse auf das Subjekt und dessen Körper? Sind die Krankheiten, insbesondere die Psychopathologien, Formen einer sich selbst subjektiv die Gewalt der objektiven Welt antuenden, aber auch anmaßenden Friedensmission?

In welchem Verhältnis also stehen Pandemie, Krieg und die in sich notorisch gespaltenen und von allen Seiten her nach einer Identität als vermeintlicher Heilung verlangenden Gesellschaften? Vielleicht sind erste Schritte dazu, diese Fragen zu beantworten, auf dem Weg der Beantwortung der Frage "Was ist Krieg?" zu machen.

Meine Kernthese ist - mit Sigmund Freud[2] - die folgende:

  • Der Krieg ist der Ernstfall der Kultur; der Krieg ist das Innerste und Eigenste der Kultur, die Wahrheit ihres Entstehens aus dem Körperopfer; das heißt: Zivilisation und Kultur sind - und das hat Sigmund Freud uns bereits mitgeteilt - die Täuschungsmanöver über das Todestriebs- respektive das Kriegswesen humaner Existenz; der historisch je konkrete Kriegsfall ist die Reaktualisierung der in den Kulturdingen geborgenen Urszene des Humanen; der Krieg ist die "Enttäuschung" (Freud) der Kultur, aber auch deren erneute Provokation.

Ich formuliere hierzu drei Unterthesen, hinleitend auf die Aufarbeitung des Verhältnisses von Pandemie, Krieg und gesellschaftlicher Spaltung:

  1. Ohne Differenzen, ohne Spaltung gibt es keinen Krieg; aber ohne Differenzen, ohne Spaltung gibt es auch kein Leben. Denn das Leben ist nur mit der und als die Abspaltung vom Tod möglich.
  2. Im Krieg geht es dem Anspruch und dem Begehren nach um die Verschleifung respektive die Abschaffung von Spaltung und Differenz im Sinne der Umsetzung eines Einheits- oder gar Absolutheitsphantasmas. (Zugleich ist der Krieg - selbstverständlich und paradoxerweise - die Realisierung der Spitzenformen von Spaltung und Differenz, deren Höhepunkt und Aufhebungsbestreben.)
  3. Im Kriegsfall kommt der Todestrieb - das ist die Bewegung auf den Tod zu vermittels der Abwehr des Todes - wie zu sich selbst durch den - im Konsumverhältnis provozierten - Rückbefall der Körper durch das Unbewusste der Produktion der Dinge in Projektilgestalt (Fetischisierungsrückschlag): Das Kriegswesen ist die radikale Krankheit in objektiver Gestalt; Pandemie des Unbewussten der Dinge. Friedenszeiten bilden deren endemische Ausläufer und Fortsetzung.


Annäherungen an die Thesen zum Krieg und Diskussion derselben

I.

  • Krieg - das ist die große "Enttäuschung" der "Kulturweltbürger" (Freud).
  • Krieg - das ist der ultimative Trieb-, genauer: Todestriebdurchbruch im Objektiven, des Todestriebs objektive Verwirklichung.
  • Krieg - das ist unter dem genealogischen Gesichtspunkt das brutale Zeremoniell der Sohnesopfer (mit den notorischen, den gesamten Rationalitätskontext betreffenden 'Kollateralschäden').
  • Zu opfern gilt es im Krieg - den Initiationszeremonien entsprechend - den Mutterkörperrest am männlichen Körper und an der männlichen Welt. So können Tote und spezielle Todesüberwinder zu Helden werden und Überlebende zu 'echten' - von der Weibischkeit gereinigten - 'Männern'.
  • Krieg - das ist unter dem mythologischen Gesichtspunkt die Renaissance der Sphinx, auferstanden aus der tiefen Schlucht vor Theben; Anmaßung einer Macht der Vorzeit (des Seins, der Urproduktion), die selbst schon in der zerstückelten Gestalt der Opfer der Rationalitätsproduktion erschien und diese - einst und aktuell - zu ihrer Erhaltung an den Söhnen der Menschen vollstreckte, einerseits wie als Rache von Seiten des weiblich-maternalen Fundamentalopfers, andererseits als 'liebende' Heimholung der Jünglinge zur Mutteropfermemoria - und drittens auch als Geschehen im Auftrag der kastrierenden Vatermacht.
  • Der Krieg imponiert in solcher Rücksicht also als die Zahlung des Schuldzinses an das Mutterkörperopfer, auf dem die paternale gesellschaftliche und insbesondere fetischisierende, dingliche, technische Macht sich errichtet und von dem diese unentwegt zehrt und wider welches sie sich permanent als autonom und autark und endlich als absolut zu behaupten begehrt.
  • Aber: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" respektive "Krieg ist Vater von allen, König von allen", heißt es bei Heraklit (um 520 v. Chr. - 460 v. Chr.), diesem vorsokratischen Denker, der die Möglichkeit des beständigen Werdens und Wandels der Welt zu erklären wusste durch die Erkenntnis, dass die Motivation zu den Bewegungen des Werdens und Wandels die Weltordnung selbst sei, insofern es sich bei dieser um Gegensätze handle, die, um überhaupt solche sein zu können, in einer Einheit stehen, die ihrerseits nicht nur ein Ausdruck der Gegensätze ist, die sie vereint, sondern die dauerhafte Vereinigung und Redifferenzierung der Gegensätze, die ineinander umschlagen - wie das Wachen und Schlafen im und als Leben der Menschen - und so die Einheit als dauerhafte Spannung realisieren, die dergestalt gemäß Heraklit nur als Werden und Wandel existieren könne - als stete Arbeit der Gestaltung der Kulturwelt aus dem Kriegswesen der Gegensätze, so möchte ich hinzusetzen.
  • Wenn aber der Vater aller Dinge der Krieg ist, wer ist dann die Mutter aller Dinge? Könnte es sich bei dieser um eine der beiden bereits genannten Gegensätze handeln?
  • Vom oben genannten Mythos ist zu erfahren, dass die Mutter der Dinge ihr Opfer sei, das Mutterkörperopfer im Rahmen der Einheit begehrenden Gegensatzherstellung respektive des phallischen Absolutheitsphantasmas, das, so gilt es hinzuzufügen, im Auftrag der Tochter-Frau um der Gewährung und Sicherung der Differenz zum Mutterkörper willen überhaupt erst Platz zu nehmen vermag.
  • Der Krieg also erweist sich als die Sicherung des Opferverhältnisses im Sinne der Memorialitätsbildung - Mutterkörperopfermemoria - zur Gewährleistung der - wesentlich Vater-Tochter-inzestuösen - Produktion der Dinge im phallisch-patriarchalen Rationalitätskontext; als Motivation zu neuen Kulturabdeckungen und mithin Verleugnungen der fundamentalen Gewalt-, Opfer- und Schuldverhältnisse.

II.

  • Im März 2022 ist der Krieg in Europa das aktuelle, alles andere überlagernde Thema, und zwar durchgängig in der Hinsicht auf selbstvergewissernde Schuldzuweisungen.
  • Allerdings geht es im Krieg auch wesentlich darum: dem a/Anderen die Schuld der Sterblichkeit - des Mutterkörperanteils - und die konkrete körperliche Übernahme derselben projektiv/projektilisch zuzuweisen.
  • So aufgebaut ist nicht zuletzt die Argumentation des russischen Präsidenten, der den 'eigenen', russischen Lebensraum - den souverän disponierbaren Mutterkörper quasi-inzestuös - wiederzugewinnen trachtet - wider die 'gefühlte' Kastration (durch die Auflösung der Sowjetrepublik und später durch die Nato et cetera).
  • So aufgebaut ist nicht zuletzt auch die Argumentation der Nato und der westlichen, demokratischen Welt, die den 'eigenen', demokratischen Lebensraum - den disponierbaren Mutterkörper quasi geschwisterinzestuös - zu sichern trachtet - wider die 'gefühlte' Kastration (durch die russischen Kriegshandlungen, die Bankrotterklärung der politischen Diplomatie, die Brechung internationaler Tauschverhältnisse, die drohende Geldentwertung durch Inflation et cetera).
  • Eine zentrale Voraussetzung dafür ist allerdings die "Spaltung der Gesellschaft", ohne die es keinen Krieg geben könnte, aber auch kein Leben, und aus der demgemäß der Krieg wie das Leben abzuleiten sind. Die "Spaltung der Gesellschaft" aber drückt selbst schon das Spannungsverhältnis der Geschlechter, deren fundamentale und unhintergehbare Differenz aus.

III.

  • Ein Krieg ist notorisch der Versuch, eine - phallische - Einheit, eine Identität auf dem Boden einer gespaltenen Gesellschaft herzustellen, ein fremdes Land, eine andere Macht, die und den anderen Körper zu annektieren, zu homosexualisieren.
  • In diesem Kontext der Bildung einer - phallischen - Einheit stehen zumal die notorischen Vergewaltigungen der Frauen durch die zuerst ins Land und dann in die Körper eindringenden, dieser sich bemächtigenden Soldaten: Grundlegungen des einen Geschlechts der Siegermacht durch das Niederstrecken von Gegenwehr und Verweigerung.
  • Ein Krieg soll Schranken, Grenzen, Differenzen einreißen, um widerständige Andersheiten, Fremdheiten und Unverfügbares - wie es sich zum Beispiel auch mit der Covid-19-Pandemie erinnernd aufwarf und weiter noch aufwirft - unter einen eigens verfügten Begriff von Wirklichkeit und Wahrheit und dessen Alleinherrschaft - das sind alles Synonyme für "Phallus" oder "Gott" - zu zwingen.
  • Vermittelt wird im Krieg dieses In-die-Identität-Zwingen über die Macht der Waffen, mit diesem technologischen Inbegriff von Rationalität, mit dem die widerständigen Körper der anderen genötigt werden sollen, projektiv, fixiert, isoliert die Sterblichkeit der eigenen Körper und der eigenen Macht in sich, also am Ort des a/Anderen, aus- und abzutragen.

IV.

  • Der Differenzen und der Anerkennung des Fremden und Anderen in der Gesellschaft bedarf es. Das aber heißt: Eine Gesellschaft steht immer in einer inneren (Kriegs-)Spannung.
  • Die Covid-19-Pandemie belebte und belebt seit dem Jahr 2019 die innere Spannung, die Differenzierungsnöte und Spaltungstendenzen in der Gesellschaft, verstärkt insbesondere durch die - die Spannung in alle Öffentlichkeit treibenden - staatlich verordneten Todesabwehrstrategien Isolation und Impfung.
  • Der Krieg - und insbesondere der von Russland wider die Ukraine entfachte - versucht den Anspruch der Wiedervereinigung alles Auseinandergebrochenen und alles weiterhin Auseinanderbrechenden durch die einigende Verfügung der Todesgewalt durchzusetzen (was im Rahmen des Lebens notorisch nicht gelingt, nicht gelingen kann).
  • Vom Angreifer ist dieser Krieg als eine dringend notwendige Rettungsaktion verstanden.
  • So ist es kaum verwunderlich, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine in einer Hochzeit der Covid-19-Pandemie eingeleitet wird, um das Unfassbare der viralen Pandemie (solche andere Renaissance der Sphinx) als rational disponierten Kriegsvollzug fassbar werden zu lassen und im und ins Zeichen der Einheit und der sicheren Bemächtigung der Macht des Maternalkörpers aufzuheben.

V.

Es imponiert mithin die offene, objektive, grausam enttäuschende Inszenierung der Freud'schen Triebtrias: Ödipuskomplex, Narzissmus, Todestrieb; das Begehren a. der Beherrschung des Mutterkörpers im Inzest, b. sein eigener Grund, autonom und autark, und schließlich c. absolut, also unsterblich zu sein, das heißt lebendig der Tod selbst, die in sich selbst verfügte Kastration und Strafe und somit gänzlich exkulpiert zu sein.

So mag sich eine Ahnung zumindest freigeben daraufhin, wovor wir Angst haben: vor der "Enttäuschung" und der damit sich androhenden Strafe für die so sich entbergende und in die Offenheit der Erfahrung freisetzende Schuld und Dauerverschuldung der Existenz. Verwoben mit solcher Ahnung mag die sein davon, worauf wir uns einzulassen haben, um ein kluges, das meint: ein dem Menschwesen angemessenes Leben möglich werden zu lassen, das seine Konditionen anzunehmen und auszuhalten versteht in den Spannungen der Geschlechter, der Generationen, zwischen Körper und Ding und Leben und Tod. Sigmund Freud gab hierzu bereits einen wegweisenden Hinweis: "Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein"[3]. Hinzusetzen möchte ich: Doch anerkenne in solcher Einrichtung auf den Tod 1. den Tod als den radikalen Entzug, der deinen Grund ausmacht, 2. anerkenne die Kultur als die das Töten bergende Vermittlung zum Tod, das heißt als objektiven Todes(flucht)trieb sowie 3. die stete Verführung im Gebrauch der Dinge und vor allem der elektronischen Medien dazu, der Tod selbst und somit dessen Beherrscher und sein Vollstrecker sein zu wollen - Pandemie des Unbewussten der Dinge. Die Friedenszeiten sind endemische Restitutionen der Täuschung, die notorisch ihrer Enttäuschung harren.

(Vorgetragen am 28. April 2022 in der Videokonferenz Der Krieg und das Absolutheitsbegehren
von Psychoanalyse und Philosophie e. V.)

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[1] Andrea Dennemann, Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster, in: Philosophie und Psychoanalyse. Psychoanalyse und Philosophie Jahrbuch 2021, hrsg. von Chr. Weismüller, Düsseldorf: Peras 2021, 361.

[2] Siehe Sigmund Freud (1915), Zeitgemäßes über Krieg und Tod, in: Studienausgabe, Band IX, Frankfurt/M.: 1974.

[3] Sigmund Freud (1915), Zeitgemäßes über Krieg und Tod, in: Studienausgabe, Band IX, Frankfurt/M.: 1974, 60.

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Dionissios Vajas
Die entgleiste Gesellschaft

Von der Fläche der Projektion zurück in die abgesperrte Tiefe des Ursprungs der Impfphobie oder Das Postulat der organischen Unversehrtheit

Bei der Entfaltung des Themas werde ich zuerst von den Phänomenen ausgehen und dann peu á peu regressiv dasjenige an den Tag bringen, was tief verborgen liegt und, im Psychischen begraben, der Bewusstwerdung nicht zugänglich ist.

Der Aufsatz weist drei Etappen auf. In der ersten geht es um den progredienten Auf- und Ausbau einer fremdbestimmten, finsteren Welt als Weltmacht. In der zweiten Etappe wird wie zum Gegensatz eine andere Welt als Weltmacht auf- und ausgebaut, die sich in tödlichem, jedoch im Kräftevergleich zurückstehendem Kampf mit der ersteren Welt befindet. In der dritten Etappe gehe ich einen großen Schritt zurück – weg vom Epiphänomen des Politischen, der dunklen Machtintrigen und des verzweifelten Kampfes –, dagegen hin zu dem, was immer am Werk war: die autoritäre Persönlichkeitsstruktur des Impfgegners. Zum Schluss wird im Abgesang auf die Spaltung der Gesellschaft kurz auf das Ende der Therapie im Sinne ihrer Unmöglichkeit eingegangen.

A

Auf- und Ausbau einer das Subjekt bedrohenden Welt als Weltmacht

I. Die Gruppierung der vielen anderen und die Gesellschaftsinstitutionen als negativ besetzte, phobische Projektionen

Es scheint so, als ob man von vornherein ausschließen muss, dass der Impfgegner die Gesellschaft als hochkomplizierte oder wenigstens in ihren Grundzügen als komplex anzuerkennende Organisation begreift. Vielmehr reduziert er sie als Gefüge von Menschen (Geimpfte und Genesene) und Institutionen auf eine handhabbare Vorstellung von losen, sporadisch aufkommenden Individuen, die trotz der Unkenntnis der Zusammengehörigkeit (sie haben sich impfen lassen) mit unsichtbaren Bändern miteinander verbunden sind. Diese unstrukturierte Anhäufung von verstreuten Individuen steht für die einzig offizielle, parteiische Repräsentation der Bürger eines Landes. Hinter ihnen folgen als eine deren Annäherung sichernde Nachhut die Gesellschaftsinstitutionen als Staatskomplizen eben dieser Individuen.

Sie nähern sich dem Individuum an, um es zu vereinnahmen. Das tun sie agnostisch, das heißt ohne entsprechende Kenntnis ihres Ziels. Was sich frontal nähert, ist eine starre Konstellation von Individuen und unsichtbaren institutionellen Sachverhalten: eine maschinenähnliche Approximation.

(Hier könnte man abkürzen und den Angstinhalt des Impfgegners in den Mittelpunkt der Reflexion stellen. Doch dann hätte man sich um die weiteren Auskristallisierungen seiner in der Pandemie durchgemachten Entwicklung gebracht, durch die seine Angst und das abgesperrte Unbewusste ihre endgültige Form angenommen haben.)

II. Dämonisierung von Gesellschaftsinstitutionen

Der Impfphobiker konzentriert sich auf die Institutionen, versucht die Geimpften und die Impfwilligen außen vor zu lassen. Er wendet sich den Institutionen, den verschiedenen partikulären Machtzentren zu, um die Gefahr von sich abzulenken, dass er durch die sich annähernden, in ihrer Bewegung unvorhersehbaren incognito-Duplikate seines Menschseins, die vielen anderen als Geimpfte und Impfwillige, inkorporiert wird.

Um das Feld von den ansteckenden, verseuchten anderen zu räumen, die sein Selbst entstellend einzuverleiben trachten, muss das Subjekt diese anderen entkräften. Dies erreicht es dadurch, dass es die Institutionen als Agenten des wirtschaftlich und politisch Hinterhältigen begreift. Diese seien es, die sich die vielen anderen durch Extraktion des Willens gefügig gemacht beziehungsweise einer Gehirnwäsche unterzogen hätten. Deshalb fungierten letztere als Opfer oder Marionetten beziehungsweise aggressive Exekutoren eines fremden Willens.

(An der Stelle merkt man, dass die Impfphobiker*innen ihr logisches Kombinierungsvermögen zur Beseitigung von Ängsten missbrauchen. Das ist Wasser in die Mühle der Paranoia.)

Seiner Ansicht nach hätten die Mächtigen dieser Welt sich über alles miteinander abgesprochen. Verschwörungstheorien, mit krassen Widersprüchen übersät, entstehen immer wieder neu. Deren gemeinsamer Nenner besteht für den Außenstehenden in einer wahrlich obskuren, metaphysisch anmutenden Weltanschauungsambition. Gemäß einer Entschlüsselung dieser Einstellung, die aber den Impfphobiker*innen mitnichten zugänglich ist, handeln die Destruktiven dieser Welt instinktiv. Sie weisen nicht die geringste Spur von Reflexion darüber auf, welche Konsequenzen etwa ihr globales Handeln mit sich zieht. Deren Machenschaften reichen in die Dinge der Politik und der Wirtschaft hinein, während die Reflexionsbefreiten aber als Spitze der Welt zugleich die Welt transzendieren; sie ragen über diese empor, was so viel heißt, dass sie von einem Weltuntergang nicht getroffen werden können. Das scheint der wichtigste, radikalmetaphysische Widerspruch im Denken der Impfphobiker*innen zu sein, dessen sie sich nicht bewusst werden können.

B

Weitere Offenlegung der autoritären Persönlichkeit der Impfgegner*innen. Auf- und Ausbau einer Gegenwelt

Es entsteht eine äußerst bedrückende Lage für die Impfgegner*innen, für die Subjekte. In ihrer Verzweiflung merken sie es richtig, dass es keinen Ausgang aus dieser Welt gibt. Zuerst sympathisieren sie mit all denjenigen, die ebenfalls gegen das Impfen sind. Diese flößen den Impfgegner*innen jedoch keine Hoffnung ein, weil sie nicht an der Macht sind und von den Vasallen der finsteren Weltmacht genauso niedergehalten werden wie sie selbst.

Ein Hoffnungsschimmer dringt ein, wenn beispielsweise ein bekannter Politiker oder eine berühmte Persönlichkeit (Ex-US-Präsident Trump, Brasiliens Ministerpräsident Bolsonaro et cetera) sich gegen das Impfen ausspricht. Es ist der Moment, in dem das Subjekt sich über die traditionelle Einteilung in politische Lager hinwegsetzt und beginnt, jener bedrohlichen Weltmacht seine eigene, ebenfalls dunkle und genauso wirre Weltmacht entgegenzusetzen. Kurz und bündig: Das Subjekt legt sich mit den mächtigen Gespenstern seines Vorstellungsvermögens an. Ein tagtäglicher, zermürbender, aussichtsloser Kampf gegen alles beginnt.

C

Versuch eines Umrisses der autoritären Persönlichkeit der Impfgegner*innen

In drei Schritten führe ich aus, was die Impfspritze für die Impfgegner*innen bedeutet. Dabei wird seine Persönlichkeitsstruktur offenbart, die sich im Stressrahmen der permanenten Bedrohung als auskristallisierte psychische Ausrichtung aufdecken lässt, in die keinerlei Selbstreflexion eindringt.

Als das Corona-Virus 2020 Einzug in unseren Alltag hielt, war man verzweifelt und dann auch empört darüber, dass man laut offiziellen Angaben fast zwei Jahre brauchen würde, um einen Impfstoff dagegen zu entwickeln.

Die lange Wartezeit führte paradoxerweise dazu, dass das Virus seine todbringende Schuld nicht lange behaupten konnte. Eine entstellende Verschiebung schlich sich allmählich ein, die ich so wiedergebe:

"Dass es so lange dauert, kann nur heißen, dass das gesamte weltweite medizinische Waffenlager und die dazugehörigen Labore samt wissenschaftlichem Personal nur zu langsam darauf reagieren. Diese Langsamkeit wiederum bedeutet, sofern sie dem tödlichen Werk des Virus zuarbeitet und im Brückenbau hinterher hinkt, dass zwischen der angeblichen Avantgarde der Wissenschaft und dem Virus eine tiefe Gemeinsamkeit besteht."

Das Subjekt verlangte also, dass der Impfstoff sofort, hier und jetzt, lieferbar ist. Es verträgt – und das ist eine erste Bilanz – keine Abbrüche in seinem Alltagsablauf.

Als dann der Impfstoff auf dem Markt war, kippte das Ganze unverhofft um, und die Phobie kam unkontrolliert zum Ausbruch. Ich nehme die unvorhersehbare, überraschende Entwicklung kurz unter die Lupe.

Die unvorstellbar minuziöse, detaillierteste (Kriegs-)Wissenschaftsarbeit in den Laboren an der Entschlüsselung der Virus-Struktur und der Funktionsweise des Virus hat die Forscher dem Objekt ihrer Forschung angeglichen. Die Seiten der Forschungskonstellation zwischen Erkennendem und Erkanntem wurden aufgrund der fast deckungsgleichen Annäherung miteinander austauschbar. Die sich allmählich formierende Erkenntnis stellt diesseits, das ist die Seite des forschenden Subjekts, den Spiegel des Dings, des Virus' her. Die Losung lautet: "Wir, die Wissenschaftler, sind diese Erkenntnis, die Erkenntnis des Virus, das Virus selbst".

Während das Christentum das Kreuz als Tötungswaffe heiligt, indem es die Substanz des Retters darein einfließen lässt, verfahren die Impfgegner*innen umgekehrt und doch irgendwie auf dieselbe Art und Weise: Auch sie begreifen die Impfspritze als Tötungswaffe, sehen aber im Inhalt der Spritze den Tod, der in ihre Körper importiert wird.

Die hysterische Überreaktion des Subjekts, die sich vor dem Hintergrund des Postulats der organischen Unversehrtheit (Impfgegner sind in dieser Hinsicht Engelfiguren) abspielt, deutet auf einen besonderen, nunmehr kathartisch erscheinenden Status-ante, einen Zustand vor der Invasion der Corona-Krise, hin, in dem es die Dinge seines Alltags durch einen fast lückenlosen Verweis in Reih und Glied stellte und dadurch zu beherrschen meinte.

Damit sind die Rationalisierungsrituale ihres Gebrauchs gemeint, durch die die Dinge eisern in Schach gehalten werden. Auch hatte der Bedürfnisse abdeckende Gebrauch der Dinge vermittels lückenloser Gebrauchsrituale in der wiederkehrenden Zeit das Erwürgen der widerstrebenden Dinge zum Ziel: Entmaterialisierung der Dinge in ihrer Verzeitlichung. Dadurch erreicht man eine quasi Naturalisierung der kapitalistischen Lebensweise, sodass die Dinge – so glaubt man – mundtot gemacht werden können. Was aus diesem Feldzug gegen die Dinge übrigbleibt, ist der dem konsumatorischen Genuss vorauseilende Glanz, das Design. Der Kreis von abstrakter, weil abgekoppelter Produktion und konkreter (sprich fetischistisch konkretistischer) Konsumation, die (distributiv abgesichert) zu jeder Zeit und an jedem Ort die Bedürfnisse befriedigte, schien nicht unterbrochen werden zu können.

Fazit: Das Virus war nur der Anlass, der die kulturelle Bemäntelung aufhob. Dieser Anlass verhalf den in ihrem wahren Grund unbezwingbaren Dingen an dieser einen Stelle zum Durchbruch.


Abgesang auf die Spaltung der Gesellschaft und die Unmöglichkeit der Therapie

Sollte die Abwehrfront der Impfgegner*innen anfangen, rissig zu werden, weil etwa die stete Umwandlung der Angst in eskalierende Aggressivität nicht gelingt, dann ist an der Stelle des Kriegsgeschreis die pure Existenzgefahr zu vernehmen: Tatsächlich geht es ihnen dann um ihr Leben. Hört man dann genauer hin, so stellt man fest, dass Trieb- und Realangst verschmelzen. Angesichts der herzzerreißenden Existenznot ist es vonnöten, diesen einen beziehungsweise diese eine aus Fleisch und Blut vor der Selbstdekonstruktion zu erretten, als weiterhin einer in jenem Moment nicht anders zu erlebenden Gesellschaft denn als einer Gesellschaftsabstraktion das Wort zu reden. Man dient dem/der Unglücklichen am besten dadurch, dass man auf der Stelle aufhört, die in der Pandemie sonst mit gutem Recht reklamierte Verteidigungsnot der Gesellschaft zu beschwören. Denn was in jener Existenznot als Existenzschrei aufmerksam auf sich macht, ist das schrille Ertönen des durch einen Engpass in die Außenweltwahrnehmung entkommenden Unbewussten als eines weiterhin verschlossenen. Damit ist das non plus ultra aller Therapiemöglichkeit erreicht, die dem Therapeuten das verschlossene Unbewusste als Psychotik vor die Füße legt und zugleich den phantsmatischen Charakter von Gesellschaft überhaupt offenbart.

Die Impfgegner*innen sind die Orte, an denen die Gesellschaftstrümmer agonal darum bemüht sind, 'erstmals' zur Ruhe zu kommen, ohne jedoch den absoluten Nullpunkt als den sonst erforderlichen neuen Anfang erreichen zu dürfen (der thermische Tod der Gesellschaft).

(Vorgetragen am 27. Januar 2022 im Rahmen des Jour fixe des Vereins Psychoanalyse und Philosophie e. V.)

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Andrea Dennemann
Von Spaltung und Einigkeit in der Gesellschaft

Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster

In der Zeit der aktuellen Covid-19-Pandemie scheint mehr und mehr Raum für Verschwörungstheorien zu entstehen und gleichzeitig die Fähigkeit abzunehmen, im überbordenden Konformismus im Sinne der Sache Covid-19 diejenigen zu tolerieren, die anderer Meinung sind und eine andere Handlungsweise für sich beanspruchen.

Meiner Beobachtung nach bieten sich derzeit vor allem zwei gesellschaftliche Strömungen beziehungsweise Verhaltensmuster dar, die auf den ersten Blick diametral zueinander stehen. Zum einen gibt es ein zunehmendes Aufbegehren gegen die aus der Covid-19-Pandemie resultierenden Einschränkungen von vermeintlichen Freiheiten – zwar aus unterschiedlicher Motivation, aber doch vor allem verschwörungstheoretisch beeinflusst –, zum anderen prägen weiter – sicherlich die größere Anzahl – die konformistisch Sichverhaltenden mit einem zwar überschaubaren, aber doch bemerkenswerten Hang zum Denunziantentum und (noch) gehemmter Aggression das Bild.

Unterscheiden sich diese wirklich grundlegend voneinander? Ich denke nicht. Sie wirken entgegengesetzt und operieren doch gleich. Die gemeinsame Wurzel ist die unveränderte Omnipräsenz der in Tabellen und Berechnungen dargelegten und somit permanent angemahnten und in Erinnerung gehaltenen Anwesenheit von Verfall, Krankheit und Tod. Dem gilt es wie stets zu entkommen. Aber die Vermittlung über Kultur (bis vor kurzem nur digital und aktuell immer noch sehr reduziert und Corona-modifiziert verfügbar), Konsum (desgleichen) und Kirche (anscheinend in dieser Zeit verschwunden, da keinerlei fühlbare Präsenz) ist nahezu ausgehebelt. Es geht also darum, Wege zu finden, die eigene Sterblichkeit zu überwinden und zu verdrängen, ihr die Anerkennung jetzt und hier erst einmal zu verweigern. Also folgen die einen fast auf eine metaphysische Weise der Idee einer außerhalb der von Mensch postulierten Covid-19-Realität liegenden Begründung (Bill Gates-Mikrochip-Theorie, außerirdischer Einfluss, Gottes Fluch und Segen, Gehirnwäsche als Werkzeug geplanter politischer Machtergreifung et cetera) und die anderen nahezu gänzlich passiv, sich verhaltend den Heilsversprechen des aufgestellten Regelwerkes (Maskenpflicht, Hygienemaßnahmen, social distance et cetera).

So postuliere ich: Motiv und Ziel sind gleich, lediglich bedienen sich beide einer unterschiedlichen Variante auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster.

Nicht, dass ich missverstanden werde: Ich finde entsprechend der jeweiligen Situation sowohl Gegenwehr als auch konformes Verhalten durchaus sinnvoll und notwendig, aber diesem muss ein innerer Diskurs, eine Auseinandersetzung, ein Durchlaufen von Distanz und Anerkennung vorausgehen, um dann in Form eines aktiven Handelns durchgeführt zu werden. Ist das geschehen? Ich bezweifele es.


Historisch gesehen ist dies nicht die erste Pandemie. Auch begrenzte Lockdowns hat es schon gegeben, Verschwörungstheorien waren stets ein treuer Begleiter. Die Todesraten in der Vergangenheit lagen teilweise deutlich höher (zum Beispiel fünfzigtausend Tote [gemäß Übersterblichkeitsstatistik] während der Hongkong-Grippe in Ost- und Westdeutschland 1968). Und doch scheinen wir aktuell um ein Vielfaches stärker erschüttert zu sein. Ist das – abgesehen von der Allgegenwärtigkeit der Medien – eine Folge davon, dass wir uns mehr denn je als eine immune Gesellschaft verstehen, die in der Lage ist, alles zu überwinden? Sind wir daher überhaupt bereit für eine reale, qualitative Bewertung der jetzigen Situation? Oder verharren wir in einem abstrakten, quantitativen Moment?

In der Zeit der Pandemien 1957 (Asiatische Grippe) und 1968 (Hongkong-Grippe) nahmen die Menschen diese kaum wahr, ein kulturelles Gedächtnis für die Ereignisse wurde erst gar nicht gebildet. Vielmehr war man mit der Angst vor einem drohenden Atomkrieg und den Folgen des Kalten Krieges befasst. Wovor haben wir eigentlich Angst?

(Zuerst erschienen online im Juni 2020, danach in: Philosophie und Psychoanalyse. Psychoanalyse und Philosophie. Jahrbuch 2021, hrsg. von Christoph Weismüller, Düsseldorf: Peras Verlag 2021, 360 - 361.)

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Christoph Weismüller
Die Hegel'sche "Aufhebung" und die Einigkeit der Gesellschaft in der Spaltung


Ist die Hegel'sche "Aufhebung" zusammenzudenken mit den Parteien einerseits des Widerstands gegen die Corona-Verordnungen und andererseits der Fürsprecher solcher Verordnungen? Solche Aufgaben- und Fragestellung schätze ich sehr, weil sie mich nötigt, nochmals innezuhalten und die Tradition in ihrem Verhältnis zur modernsten Moderne, die Menschheit, deren Phantasmen und Begehren und irgend darinnen auch mich im Verhältnis zu den Menschen und Dingen denkend zu verorten.

Vor allem passt das zum heutigen Pfingsttag, diesmal im Jahr 2021 - aber auch zu den kommenden -, an dem ich diese Zeilen notiere, besonders auch zum Pfingstmontag, der als erster Tag aus der Osterzeit tritt, also fünfzig Tage nach dem Ostersonntag stattfindet und sich damit auch als der erste der - ihrem Anspruch nach alles Mundane "aufhebenden" - christlichen Kirche auszeichnet. Insbesondere da Pfingsten in christlicher Tradition als der Tag der Gründung der Kirche verstanden wird – in Referenz auf das Zusammenkommen der Apostel und Jünger im gemeinsamen Verständnis, vermittelt durch den heiligen Geist –, in der die Einmaligkeit des Ereignisses der Ausgießung des heiligen Geistes als dauerndes Phänomen bewahrt bleiben kann, und insoweit damit das jüdische Fest Schawuot, die Feier der Offenbarung der Tora, okkupiert, also in die christliche Kirche wie "aufgehoben" wird, haben wir es zu Pfingsten geradezu mit einem komplexen Aufhebungs-Ereignis zu tun.

Auf die aktuelle Situation bezogen, gilt es nun zu fragen, welche Gestalt die "christliche Kirche" – dieser Ort zur absoluten Aufhebung – angenommen hat gemäß der Entwicklung der Produktivkräfte. Welches ist der Ort, an dem Apostel und Jünger im gemeinsamen Verständnis, vermittelt durch die Ausgießungen des heiligen Geistes, in der aktuellen Epoche zusammenkommen? Meine naheliegende Antwort darauf lautet: Wie weiland, so wird auch heute die Aufhebung wie heilend gesucht im virtuellen – phantasmatisch den Tod überwindenden – Raum vermittels dessen kirchenhafter Materialisierung, die im Auftrag ihrer Entmaterialisierung um des Eingangs ins wahre Leben steht. Diese Materialisierungen haben heute nicht mehr nur Namen wie katholische oder evangelische Kirche – oder etwas anders auch Islam, Judentum, Buddhismus –, sondern sie präsentieren sich stolz unter den Titeln Internet, Smartphone, Apple, Google, Alibaba, YouTube, Facebook und so weiter.

Wie nun sind diese Gedanken in Bezug zu bringen zu den von Andrea Dennemann in ihrem Text Varianten auf der Klaviatur psychischer Reaktionsmuster thematisierten Parteien einerseits des Widerstands gegen die Corona-Verordnungen und andererseits der Fürsprecher solcher Verordnungen?

Dass diese Parteien überhaupt so entstehen konnten und weiter sich bilden können, spiegelt zuallererst das Problem der Blockiertheit der Vermittlung von Differenzen und in diesem Sinne eine schwache Vaterposition im gesellschaftlichen Kontext wieder. Aufgrund solcher Schwäche kann der Zugang zum Ort des Begehrens nicht gemäß einem durch eine anerkannte Gruppe von Menschen (Priester, Väter) vermittelten Narrativ erfolgen, sondern es erweist sich die Möglichkeit solchen Zugangs – zum Ort des Begehrens, dessen Referenz durchweg der maternale Körper ausmacht – als hochgradig unsicher. "Unsicher" heißt in solchem Zusammenhang, dass die Schuld- und Gewaltverhältnisse solchen Zugangs nicht verbindlich abgedeckt, sondern an einigen Stellen offengelegt und erfahrbar gemacht sind als letztlich todesbedrohliche und somit die Sterblichkeit des filialen Körpers reklamierende Situationen. So werden todesfluchttriebliche Abwehrreaktionen provoziert, und zwar – grob differenziert – in den Komplementärversionen der Corona-Vorschriften-Gegner*innen und der Corona-Vorschriften-Befürworter*innen.

Was charakterisiert jene, was diese?

Erstere zeichnet aus der Kampf gegen die Zurechtweisung, gegen eine paternale Position und deren bestimmendes Wort, und zwar im Namen einer anderen, verschwiegenen, einer reklamierten wahren, aber unterdrückten Position. Wider die paternale Interventionsposition reklamieren die Vertreter*innen dieser Gruppe offensichtlich einen direkten, ungehinderten, unbeschnittenen Zugang zum Ort einer ursprünglich maternalen Wahrheit, die womöglich schon zum Opfer für den Glauben an die bestehende Unwahrheit phallischer Selbstbehauptung gebracht wurde. Sie gehen aber davon aus, dass sie dieses schon erbrachte Opfer der maternalen Wahrheit durch spezielle, quasi magische Handlungen und Rituale wieder erwecken und in ihr Recht einsetzen können, das vornehmlich darin bestünde, die Erweckungspriester*innen ins schützende Haus der Mutter zurückzunehmen und so ins wahre Glück der unsanktionierten Einheit zu führen. Kurz: Es imponiert der Ausdruck inzestuösen Begehrens und damit zugleich des immensen Irrtums, dass der inzestuöse Kurzschluss ein Heilsweg sein könnte – gleichwohl folgen alle Heilsversprechen solchem Schema. Als ganz besonders problematisch aber erweist sich das Fehlurteil, es könne ein Opfer der Wahrheit respektive das Mutterkörperopfer als Wahrheit oder als Mutter(körper) restituiert werden. Denn kein Restitutionsunternehmen kann das rückgängig machen, was vorgefallen ist. Das heißt: Restituiert werden kann, wenn überhaupt etwas, nur das Opfern, die Gewalttat. Daraus erklärt sich zumal die nicht nur subakute Gewaltförmigkeit dieser wider die – paternal-signifikante – Gewalt aufbegehrenden Gruppe.

Auf einen ersten Blick hin friedlicher scheinen die Befürworter*innen der Corona-Vorschriften zu sein. Doch könnte das daran liegen, dass diese die Gewalten weiterhin abgetreten sein lassen an die paternale, patriarchale, phallische Position und nicht versucht sind, diese als Sicherheit gebende verstandene Macht im Namen einer verdrängten maternalen Position zu bestreiten. Im Gegenteil ist diese Gruppe eher dadurch charakterisiert, auf der Grundlage der Befürchtung eines maternalen Übergriffs, der alle Subjektivität und Individualität zu tilgen droht, diese paternale als die vermittelnde und Differenz und somit vermeintlich Subjektivität und Individualität wahrende Position zu stärken. Bei dieser handelt es sich mithin um die Kastration und Tabu sichernde Position.

Beides also sind Komplementärfiguren, die in ihren filialen Positionen eine basale, konkretistische, kollektiv organisierte Darstellung der Aspekte des ödipalen Unbewussten der elektronischen und vor allem der Bild gebenden Kommunikationsmedien leisten. In diesen elektronischen Zugängen zu den materiell basierten virtuellen Räumen sind die realen 'Beziehungen' verrechnet und entsprechend quantifiziert "aufgehoben". Aus diesen medialen Räumen werden die real möglichen qualitativen 'Beziehungen' der technischen Entwicklung der Zeit angemessen, durch diese vermittelt und bestimmt, wieder abgeleitet. Zu tun haben wir es also mit der kollektiven Inszenierung des Unbewussten der aktuell reüssierenden technischen Medien, dieser Kirchen der aktuellen Zeit, des Ödipuskomplexes mithin; leidenschaftlicher Einsatz für den Inzest einerseits und fürs Tabu andererseits. Auch auf der großpolitischen Bühne sind entsprechende Verhältnisse aktuell ebenfalls wiederzufinden. Da fallen Anfang des Jahres 2022 insbesondere wohl die militärischen und politischen Aktionen des Ukraine-Konflikts ins Auge und Denken.

(Aktualisierte Fassung 2022. Die Erstfassung erschien online im Juni 2020, danach in: Philosophie und Psychoanalyse. Psychoanalyse und Philosophie. Jahrbuch 2021, hrsg. von Christoph Weismüller, Düsseldorf: Peras Verlag 2021, 362 - 365.)

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Christoph Weismüller
Die gesellschaftliche Spaltung: immerdar und unabwendbar


Das Thema der gesellschaftlichen Spaltung ist allemal hoch aktuell und zugleich immerdar und unabwendbar, denn es handelt sich um die Reklamation der verwischten, geopferten Differenz, die Insistenz auf das Sein des nicht absorbierten Individuums, das paradoxerweise diese Reklamation alleine als Affirmation der Gewalt der absorbierenden Instanz vorbringen kann.

Will man den Impfgegnern eine wohlmeinende Position zugestehen, so mag man sagen, es ist ein Versuch der Rettung vor dem Schwinden in der Indifferenz, dem Rückruf ins Opfer des Mutterkörpers. Die europäische Kulturgeschichte und wohl auch die anderen Kulturgeschichten kennen viele Fälle des Ausagierens solcher Nichtungsnot durch Spaltungsprozesse. Besonders hervorzuheben ist diesbezüglich zum Beispiel der Einsatz der Reformation, handelt es sich bei dieser doch um die – paradoxe – Rettung des – katholischen – Christentums. Nicht minder in diesen Komplex des Ausagierens solcher Nichtungsnot durch Spaltungsprozesse zählen vorhergehende Ereignisse wie auch die Europäisierung Amerikas und später Amerikas Aufstieg zur führenden Weltmacht, im weiteren die Globalisierung und die folgenden Nationalisierungen: Rettungen vorm zu schnellen Aufgang in der Vollkommenheit unendlicher Widerspruchsberuhigung.

Mit diesen Großereignissen der objektiven Welt identifiziert, reklamieren die Impfgegner die Disposition des Körpers als vereignete Präsenz, Selbstsein von schaffendem Mutterkörper und verfügter Macht über den Tod; gewissermaßen verwechseln sie sich mit der reinen Impfdosis, 'Moderna an sich'... und müssen sich demgemäß wider die von außen verfügte Reklamation ihrer verbliebenen Sterblichkeit durch das Angebot zur regulären Impfung positionieren, um eben das Phantasma zu vervollkommnen, das im Vakzin erst noch ein Versprechen ist...

Aber wie sag' ich das alles den Mädchen und Knaben, die den toten Mutterkörper als lebendige Existenz wider die Opferschuld souverän verfügen wollen?

(Aus einem Brief an Dionissios Vajas vom 10.10.2020)

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Axel Schünemann
"Wozu brauchen wir eine Welt, in der es kein Russland gibt?"
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Gedanken zum Krieg


Eine ukrainische Bekannte zeigte mir am 1. März mit Tränen in den Augen auf dem Smartphone den Einschlag einer russischen Rakete im Verwaltungsgebäude von Charkiw und ich begriff, dass wohl alle Ukrainer*innen sich derzeit mit diesem Gerät traumatisieren, wenn sie fern der Kriegsgebiete live verfolgen, wie die Orte ihrer Heimat, die Orte, wo ihre Familien und ihre Freunde wohnen, zerbombt werden. Ich begriff, dass dieses Mediengerät die Wahrnehmung des Kriegs und damit auch etwas vom Krieg selbst grundlegend verändert hat. Dasselbe Video wurde abends in den Fernsehnachrichten gezeigt. Ich muss dazu sagen, dass ich selber kein Smartphone besitze, damit Sie verstehen, wie überrascht ich war, im Nachhinein zu bemerken, dass nun das Video mich emotional nicht mehr so intensiv ansprach. Beim ersten Anschauen war ich erschrocken und betroffen. Kein Wunder, werden Sie sagen, das erste Mal ist nicht das zweite Mal und sicher hat sich die Erschütterung der Bekannten auf mich übertragen. Und doch meine ich, der Unterschied meiner beiden körperlichen Reaktionen auf das Video seien vor allem ein Ausdruck der Differenz der beiden Mediengeräte. Auf dem Smartphone wirkte die Explosion so, als explodiere das Gerät gleich mit. In dieselbe Richtung einer medialen Differenz weisen die Inszenierungen des russischen und des ukrainischen Präsidenten. Sie sind recht unterschiedlich den Gerätekulturen adaptiert und die wütende Kälte des russischen Präsidenten mag ihr Publikum vielleicht auch wirkungsvoller ansprechen, als man zu denken geneigt ist. Allerdings meine ich, sie sei Ausdruck eines - ich adaptiere einen Ausdruck von Marshall McLuhan - kalten Mediums, des erkalteten Mediums Fernsehen. Konkret sehe ich den vor dem Krieg repräsentierten langen Tisch des russischen Präsidenten nicht nur als Ausdruck seiner Corona- und Biowaffen-Angst, sondern auch als Selbstdarstellung dieses Mediums, als durch die Distanz der Körper inszenierte Einheit von Medium und Körper des Präsidenten (Fern-Sehen), was mithin als ein Symbol des Inhalts des Fernsehers die totale Herrschaft dieses Geräts in Russland unbewusst verkündet. Meine These lautet also: Putins Angst vor Corona und seine Isolation ist die gespiegelte Angst des Fernsehens selbst, Angst vor dem neuen Medium Smartphone (natürlich glaube ich nicht, dass der Apparat diese Angst selber fühle). Warum das Smartphone, dieses neuere und noch heiße Medium emotional ansprechender ist und entsprechend der ukrainische Präsident Selenskyj an dieser Front sehr im Vorteil ist (zudem als jemand, der das Medium Fernsehen 'absolviert' hat), das kann ich, über den obigen Hinweis hinaus, nur mutmaßen. Ich denke, die körperliche Verbindung zum Medium, das in der Hand gehalten wird, habe ebenso Anteil daran, wie das Phantasma einer von allen redaktionellen Filterungen befreiten Echtzeitpräsenz der vollen Welt. Es ist sozusagen ein Medium im Status der Psychose. Im Vergleich dazu scheint das Fernsehen auch räumlich als ein Medium der Distanz wahrgenommen zu werden, als ein Medium, das nur willkürliche Ausschnitte der Welt zeigt, ein Medium, das im seriösen Status einer Psychosenabwehr, also als verdinglichte, institutionalisierte Borderline, operiert.

Damit behaupte ich aber nicht, dass das Smartphone kein Gerät der Propaganda oder gar ein Gerät ohne Zensur sei. Ich habe nur versucht, den Begriff des Absolutheitsphantasmas auf dieses Gerät bezogen sozusagen im Hintergrund auszunutzen, als ein zum Sein des Geräts gehörendes Begehren. Spricht man aber von einem Begehren des Gerätes, so ist das ödipal Begehrte, der Welt (das heißt dem Mutterkörper) beizuwohnen, bei beiden Geräten, Smartphone und Fernsehen, identisch. Der Unterscheid scheint mir zu sein, dass man das Scheitern des Begehrens - das heißt die mediale gleich väterliche Intervention - im Fall des Fernsehens bereits vielfach gewohnt ist. Erinnern wir uns doch nur, wie oft Korrespondent*innen im Fernsehen genötigt sind, mitzuteilen, dass sie diese oder jene Frage auch nicht beantworten können. Im Fall des Smartphones sind eventuelle Szenen einer Enttäuschung, dass das Gerät keineswegs alles zeigt, womit die Differenz von Wirklichkeit und medialer Vermittlung sich als Thema in die Vermittlung selbst hineindrängt (nämlich als funktionale Phänomene des Geräts), zumindest mir, der kein solches Gerät besitzt, noch nicht bekannt. Die Differenz der Geräte ist nur die von enttäuschender Seriosität versus trügerische Präsenzverheißung.

Der Gedanke, dieser Krieg sei also auch ein Krieg unterschiedlicher Geräte seiner Vermittlung, mag aktuell keinen Kairos haben, da das Leiden der Menschen in den Kriegsgebieten alle Aufmerksamkeit und Hilfe erheischt. Und doch scheint mir der erscheinende Krieg allemal strukturiert zu sein von dieser Konkurrenz des alten und des neuen Geräts. (Sie wissen vielleicht, dass die russischen Soldaten angeblich ihre Smartphones vor dem Einmarsch abgeben mussten. Die militärische Logik dessen - objektivierter und totalisierter Verrat - ist sicherlich kaum erklärungsbedürftig.)

Auch das "Z" auf den russischen Panzern gehört im Sinn eines Unbewussten des Symbols zum 'Krieg der Geräte': Das Z bringt das Smartphone als Nachzeichnung des Fingerwischens symbolisch mit den Panzern, auf den es zu sehen ist, auf die Bildschirme. Intention mag freilich anderes gewesen sein, sicherlich vor allem die Not der russischen Armee, sich von der ukrainischen signifikant und symptomhaft (immerhin ist das Z kein kyrillischer Buchstabe) zu unterscheiden.


"Wozu brauchen wir eine Welt, in der es kein Russland gibt?" Der grausame Satz ist scheinbar verrückt. Denn es wird vor dem atomaren Weltuntergang Russlands ein Sein des doch wohl russischen "Wir" nach dem totalen Untergang vorgestellt. So suggeriert sich das "Wir" als ein jenseits von Zeit seiendes Sein, als ein absolutes Sein, das einer Welt nicht bedürftig sei, aber Russland doch braucht. Und eben das ist widersinnig. (Es ist dieses die Verrücktheit der Vermittlung, der Zeichenhaftigkeit des Seins.) Wobei diese Widersinnigkeit benötigt wird zur Abschreckung ihrer Auflösung durch den Weltuntergang.

Philosophisch kenne ich diese Verrücktheit unter dem Schlagwort Aporie der Absolutheit. Das Absolute braucht seine Opfer, das Leiden der Anderen, als Bedingung der Möglichkeit des davon abgehobenen Begriffs der Absolutheit, als Vermittlung derselben. Insofern die Absolutheit aber überhaupt ihrer Vermittlung bedürftig ist, um sein zu können, ist sie nicht absolut.

Eine weitere Verrücktheit beziehungsweise Verrückung betrifft die Adresse des Satzes. An wen richtet er sich? Zunächst an das "Wir", die Gruppe der russischen Fernsehzuschauer, was sich auch dadurch ausdrückt, dass Putin sagt, er frage dieses als Präsident und als Bürger der russischen Föderation. Aber die Frage, die Bedrohung, richtet sich auch explizit an die Welt, die folglich auch ein Adressat des Satzes ist. (Kurz zuvor hatte Putin in jenem Interview die Adressierung ausgesprochen: Die Menschen in Russland und im Ausland sollten über die theoretischen strategischen Pläne eines Vergeltungsschlages informiert werden.) Gemäß dem Kontext, in welchem der Satz gesagt wurde, teilt sich "die Welt" in drei Teile: in jenen Teil, dem eine Angriffsabsicht gegen Russland unterstellt wurde (man errät, dass die USA gemeint sind), in jenen Teil, der als die neutrale, aber indirekt mitbetroffene Welt gelten kann und der mithin gegenüber der amerikanischen Regierung in Geiselhaft genommen wird, und Russland. Insofern aber bedeutet der Satz auch seinem "Wir" (zum Beispiel den russischen Oligarchen, für deren Reichtum die Welt bislang gebraucht wurde), dass auch das eigene Sein geknüpft sei an das Sein Russlands, das die Macht seines Präsidenten ist, der mit solchen Sätzen unterschwellig das Einssein Russlands todestrieblich, todesbedrohend, konstituiert. In diesem Sinn erweist sich das Mittel der Wahl, allem, auch dem "Wir" ein Ende zu bereiten, wenn Absolutheit nicht zu erzielen ist, die Atombombe, nicht nur als ein Abschreckungsmittel der Außenpolitik, sondern ebenso als Mittel der Innenpolitik. Der Satz offenbart eine Strategie des Todestriebs als ultima ratio aller Strategie: Absolutheit oder das Weltende, so die großpolitische Version des bekannten Geld oder Leben! Die Wirklichkeit dieser komplexen Erpressung zeigt sich, wenn nun - wie die UN-Ernährungsorganisation FAO mitteilte - die Zahl an hungernden und also an Leib und Leben bedrohten Menschen weltweit sprunghaft ansteigt, so dass dieser Krieg durchaus bereits als ein erster großer Krieg in einer Serie von Kriegen um die letzten Ressourcen der Welt im Zeitalter des Klimawandels betrachtet werden kann.


Russland ist das flächenmäßig größte Land der Erde, obschon seine Fläche auf zweidimensionalen eurozentrischen Karten größer aussieht, als sie wirklich ist. Russland liegt nicht in der Mitte des eurasischen Großkontinents, sondern am nördlichen Rand. Vom Norden aus betrachtet, sähe allerdings Russland auf einer Karte, die den Norden maßstabsgetreu wiedergäbe, anders aus. Die südlichen Länder wären verzerrt dargestellt. Sie sähen aus dieser Perspektive größer aus, als sie sind.

In China leben derzeit etwa 1,4 Milliarden Menschen, in Indien etwa 1,3 Milliarden, in der europäischen Union 447 Millionen. Russland hat 144 Millionen Einwohner. Allein aus diesen Zahlen, die wir alle kennen – wobei es mir aber so damit ergeht, dass ich diese Zahlen vergesse, wenn mich die aktuellen Nachrichten affektiv besetzen –, aus diesen Zahlen also ergibt sich aus Russlands Perspektive seine ökonomische Bedeutungslosigkeit auf dem eurasischen Kontinent. Dass Putin sich dieser (und vieler weiterer) Zahlen bewusst ist, entnahm ich einer der vielen Sendungen im medialen Strom zu den aktuellen Ereignissen. Der Minderwertigkeitskomplex, den man der russischen Politik und ihrer Aggressivität attestieren muss, scheint mir deshalb weniger aus dem Untergang der Sowjetunion zu stammen. Er wurzelt vielmehr in solchen Zahlen und im Umstand, dass Russland wirklich bedroht wird, allerdings nicht politisch oder militärisch, vielmehr vom Klimawandel, der im Norden die Permafrostböden auftauen und Sibirien im Matsch versinken lässt. Wir alle wissen wohl auch, dass der Klimawandel dennoch von der russischen Politik begrüßt wird, weil er den Zugriff auf die Ressourcen der Arktis eröffnet. Überhaupt wäre die Abhängigkeit der russischen Ökonomie vom Export von Erdöl, Kohle und Erdgas mit psychoanalytischem Rückgriff auf den Ödipus-Komplex aufzuschließen. Bedenken Sie, was es bedeutet, wenn man die "Mutterkörper-Fäzes" ausverkauft! Unnötig zu erinnern, dass der Klimawandel vom Verheizen dieser Rohstoffe sowie von seiner Folge, dem Auftauen der Permafrostböden, zirkulär angefeuert wird. Wir sehen also, dass Russlands Politik schon vor diesem Angriffskrieg suizidal war. Ist oder war das aber irgendwo auf der Welt anders? (Zumindest nicht in jenen Ländern, die man "den Westen" nennt.)


Ich habe zwei dürftige Interpretationen vorgeschlagen: Es sei dieser Krieg ein Krieg zweier Mediengeräte Fernsehen versus Smartphone. Zu erweitern wäre diese Interpretation beispielsweise um eine Betrachtung über das technologische Missverhältnis zwischen den Welten des russischen Geheimdienstes und der amerikanischen Big-Data-Technologien. Diese - also ihrer vollumfänglichen Erweiterung bedürftige - Interpretation entzündete sich jedoch nur an den Mitteln, nicht an den unterstellten Zwecken. Die zweite - prophetische und vielleicht auch überzogene - Deutung lautete deshalb: Dieser Krieg ist einer der ersten einer Serie von Klima- und Ressourcenkriegen. Beide Interpretationen denken das Unbewusste des Kriegs zu zaghaft und nicht konsequent genug. Das hat mit dem Autor zu tun. Das Problem, die gescheute Frage, lautet: Was ist denn der Frieden für ein Ding? Was sind die Bedingungen der Möglichkeit des Friedens? Wir sind nicht gewohnt, ob wir nun konsequent friedensbewegt sind oder kalte Krieger, diese Frage zu stellen. Im Krieg stellt sich diese Frage auch nicht. Es stellt sich lediglich die Frage, wie Frieden erzielt werden kann, nicht die, ob Frieden überhaupt sein kann oder was das Wesen des Friedens sei. In Friedenszeiten wiederum scheint die Frage eine gefährliche Frage zu sein. Sie scheint gefährlich für den Frieden zu sein wie für den Traum die weckende Frage, ob man wach sei oder träume. Der Traum gibt sich zwar ständig die Antwort, aber er denkt nicht explizit die Frage. Er gibt sich stattdessen – nach allem, was wir im Verein Psychoanalyse und Philosophie e. V. darüber wissen – die korrekte Antwort in Form der Selbstdarstellung und als das Spiel von Verschiebung und Verdichtung und in Rücksicht auf Darstellbarkeit. Keiner der Kriege in der Zeit nach dem Ende des Kalten Kriegs hat es geschafft, mich zu motivieren, die Frage nach dem Sein des Friedens zu stellen. Der Grund mag gewesen sein, dass diese Kriege als regionale und asymmetrische Kriege respektive Bürgerkriege mich unmittelbar nicht bedrohten. Jetzt aber kehrt der Krieg in einer alten und barbarischen Form zurück nach Europa. Das Bewusstsein dessen ließ die Frage, was der Frieden an sich sei, vergessen und ich würde sogar behaupten: verdrängen. Das lässt vermuten, dass etwas am Frieden so unerträglich sein könnte, dass anscheinend nicht nur ich um die Frage so große und verdächtig unauffällige Bögen gemacht habe. Putins Angriffskrieg setzt mich nun aber unter Druck und so stellt sich nun mir diese Frage. Ich will sie nicht dadurch verdrängen, dass ich mit der Selbstverständlichkeit eines Seins des Krieges antworte und den Krieg etwa zum Naturzustand erkläre. Das Gegenteil des Falschen ist ja deshalb noch nicht das Wahre.

Was aber sollte das Unerträgliche am Frieden sein? Als Bedingungen der Möglichkeit von Frieden ließe sich nun vieles zur Globalisierung ausführen, aber ich möchte mich beim Versuch einer vorläufigen Antwort auf meine kargen traum- und musikphilosophischen Kompetenzen konzentrieren. In diesem Sinn scheint mir das Unerträgliche des Friedens seine Stille zu sein, eine Stille, deren Arepräsentativität (denn Stille ist eigentlich nicht erfahrbar: genau das ist das Unerträgliche an ihr) ihrer Zerreißung durch einen bildprovokativen Klang bedürftig ist: durch den Geburtsschrei, der alsbald im Leben beispielsweise als Musik wiederkehrt, nun aber im nahen und doch fernen Deutschland auch als Einschläge und Explosionen medial begegnet, und der selbst noch von der "Hyperschallwaffe" ins Unbewusste jener Angst der Übergänge zwischen Schlafen und Träumen sowie zwischen Träumen und Wachen gerufen wird.

Was ist der Frieden? Sie ahnen, dass ich also antworte: eine Art Schlaf, welcher von der Entropie seiner Arepräsentativität genötigt wird, Traum zu werden, ein Traum, der, wie jeder Traum, der Bewegung bedarf und sich als die Selbstdarstellung dieser Not und ihres Austrags beendet (wie Hegel oft zu sagen pflegte: sich selbst anders werden). Der Krieg ist folglich diese Bewegung der Fort-Setzung des Friedens, der Schlafhütung als Suizid des Schlafs. Putins geschichtsmythologische Ankündigung und Rechtfertigung seines Krieges stellt denn auch dieses verschoben und verdichtet dar: als die Absicht, die Ukraine vor dem bösen Erwachen im Westen - wo Sonne und Welt hinter dem Horizont untergehen - zu retten und sei es durch ihre Auslöschung. Wenn nun aber der Krieg der sinnfreie Versuch ist, durch die Paradoxie seiner Suizidalität das Sein des Traums, den Frieden, zu retten, was ist dann auf der Ebene der Menschheit das noch aus- und folglich anstehende Erwachen? Der Atomtod? Die gentechnologische Biowaffe? Oder doch eine andere und noch nicht existierende Technik? Haben wir noch etwas Glück, das heißt Zeit?


Ich komme zu Marshall McLuhan zurück, zum bekannten Satz, das Medium sei die Botschaft. Was ich vortrug, kann folglich nur die Botschaft von Schrift und Schreiben im elektronischen Medium gewesen sein (die Botschaft einer gegen die audiovisuellen Medien ödipal gerichteten und doch vom Computer vollumfänglich abhängigen Schrift). Wir vergessen nicht, dass der Überfall auf die Ukraine zwar dasselbe ist, Botschafter der Medien des Krieges, aber wirklichen Menschen wirklich das Leben kostet und unermessliches Leiden den Sterbenden und Überlebenden bringt. Ich danke Ihnen deshalb dafür, diese Zumutung einer Zerreißung zwischen den Welten des Mediums und der Körper geduldig ertragen zu haben, mutmaßlich auf diesem Weg hin zu einem Aufschluss des Albtraums des Krieges mitgegangen zu sein und bin gespannt, zu hören, ob und was Sie zu sagen haben – in aller Freiheit des Wortes, das niemals keine Gewalt zu sein vermag, aber doch nur eine Gewalt ausübt, die verwunden werden kann und die ihren Moderierungen dient, der Aufrechterhaltung des Phantasmas der Absolutheit statt ihrer unmittelbaren und tödlichen Realisierung.

(Vorgetragen am 24. März 2022 in der Videokonferenz Der Krieg und das Absolutheitsbegehren
von Psychoanalyse und Philosophie e. V.)

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[1] Wladimir Putin in einem Interview aus dem Jahr 2018, vgl.

https://www.youtube.com/watch?v=wrI8sij34tE (2018, abgerufen am 27.03.2022), sowie:

https://www.focus.de/politik/ausland/bei-einem-angriff-auf-seinen-staat-putin-redet-von-atomarem-gegenschlag-welt-nichts-mehr-wert_id_8579931.html (2018, abgerufen am 27.03.2022).

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Dionissios Vajas
Der Blick, die Erdkugel und das Desaster

Gedanken ausgehend von: Axel Schünemann, "Wozu brauchen wir eine Welt, in der es kein Russland gibt?"


Ich fand Axel Schünemanns Vortrag zum Krieg höchst interessant. Er half mir, den Krieg unter einem globalen – geographischen und medientechnologischen – Blickwinkel zu betrachten und für die in Verborgenheit wirkenden Zusammenhänge frei zu werden. Meines Erachtens tendiert das Smartphone mit seinem kleinen Bildschirm dazu, alles in sich aufzunehmen wie ein Schwarzes Loch (daher auch in einem anderen Sinne die Explosionsgefahr) beziehungsweise Mensch und Umwelt zu verseuchen.

Solange ich mir Russland vorstellte, ging ich nie von dieser unschönen perspektivischen Verzerrung aus, die das Land wie einen Kraken um den Nordpol zentriert erscheinen lässt. (Die Erde als Himmelskörper ist in der Tat unfassbar und doch sucht der Mensch, verzeihen Sie die Sentimentalität, sein Glück in den leeren und höllischen Weiten des Universums). Die dem Phantasma der Großmächtigkeit Russlands sich Verpflichtenden sind also vermittels der Macht der Dinge darum bemüht, sich die Einheit ihres Landes vor Augen zu führen, wenn sie die Nordpolperspektive favorisieren. Denn auf einer flachen Weltlandkarte geht Amerika – das Land, gegen das sie Argwohn hegen – sowohl im Westen als auch im Osten auf und reißt ihr Land paranoisch entzwei.

Genau dieser fromme, aber unrealisierbare Wunsch der Darstellung der Landeseinheit auf einer Sphäre bringt Großmächtigkeit suchende Herrscher in eine heikle Situation, die ihre Politik diktiert: einerseits des ganzen Globus habhaft werden zu wollen/zu müssen (während die südliche Hemisphäre überhaupt nicht erfasst wird, also den 3. Weltkrieg doch riskieren zu können, weil es eine [südliche Hemisphären-]Reserve-Erde gibt), andererseits sich von den am Rande ihres Reiches liegenden südlichen Ländern geradezu bedroht zu fühlen, da diese Länder in der Verzerrung breiter und somit bedrohlicher beziehungsweise wie Sprengstoff in den Fundamenten Russlands erscheinen.


Die Frage zum Darstellungsproblem auf Fläche und Sphäre besteht darin, dass die Sphäre ein so großes Land nicht gerecht in seinen Dimensionen darstellen kann, weil dem geradlinigen Blick die Verfolgung der Krümmung versagt bleibt, er ständig den zentrifugalen Kräften unterliegt, also sein Objekt nicht erfassen kann. Aber auch die Darstellung des Riesenlandes auf einer Fläche ist unangemessen, weil sie, die Darstellung, einer Idealität des Blicks entstammt, die mit der Realität des Himmelkörpers Erde nicht im Einklang steht.

Würde man versuchen, einen Mittelweg einzuschlagen, das hieße die Krümmung einer Fläche flach werden zu lassen, so würde der Boden viele tiefe Faltstellen bildend einsinken und die Menschen lebendig in sich aufnehmen.

Diese Metapher bringt auch den Krieg zum Ausdruck und das, was vom Menschen allseits angestrebt wird, nämlich das Unfassbare der Erde als einer Kugel der Rationalität des Blicks zu unterwerfen.

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